Der Uhrmacher Bernhard Ströing konnte wirklich zur Plage werden. Schickte man ihn vorne zur Tür hinaus, dann kam er hinten wieder herein. Bis er eines Tages den Bogen überspannte.
Mit festem Griff packte er den Burschen an den Kragen und zerrte ihn ins Freie. Hinter dem Haus war ein Wassergraben. Dort warf er ihn hinein, sprang hinterher und drückte ihn mit seinem ganzen Körpergewicht auf den Grund des Gewässers. Der Bursche japste nach Luft aber immer wieder drückte er sein Gesicht ins Wasser. „Jetzt sollst Du versaufen“, brüllte er ihn an. Eine laute Frauenstimme rief nach Hilfe.
„Es einem mit der Mistgabel zu verstehen geben“
Deutsches SprichwÖrter Lexikon 1873
(wenn jemand seine Wünsche auf eine gar zu derbe, handgreifliche, plumpe, unhöfliche Art kundgibt)
Eine schwere Jugend im Besslinghook
Heinrich Ströing war schon früh auf sich allein gestellt. Mit seinen 24 Jahren hatte er schon seit einiger Zeit das Sagen auf dem kleinen Kotten im Besslinghook Nr. 67 in Alstätte. Er war zehn Jahre alt, als sein Vater an der Tuberkulose starb. Fünf Jahre später verlor er auch noch seine Mutter. Gerade einmal aus der Schule entlassen musste er sich daher zusammen mit seiner zwei Jahre älteren Schwester Elisabeth allein durchs Leben schlagen.
Heinrich Ströing wurde am 24.12.1877 in Alstätte, Besslinghook Nr. 67 geboren. Seine Eltern waren der Kötter Heinrich Ströing (*12.04.1846 +04.05.1888) und dessen Ehefrau Maria Catharina Tenfelde (*29.06.1837 +22.03.1893). Seine Schwester Elisabeth wurde am 05.02.1875 geboren.
Für Heinrich traf dies tatsächlich im wörtlichen Sinne zu, denn er war alles andere als zimperlich mit seinen Mitmenschen. Wegen eines Gewaltdelikts musste er sich schon einmal vor Gericht verantworten. Seine weitere Vorstrafe wegen Wilderei war dagegen ein Kavaliersdelikt. Am Freitag, den 19.09.1902 ging Heinrich allerdings einer ehrlichen Arbeit nach.
An diesem Tag drusch er zusammen mit seiner Schwester und der zwei Jahre jüngeren Maria Voss vom Nachbarshof im Besslinghook Nr. 22 Buchweizen auf Ströings Tenne. Um 1900 war Buchweizen noch ein Grundnahrungsmittel, der in harter Arbeit den sandigen Böden des Westmünsterlandes abgerungen wurde. War die Ernte erst eingebracht, so war dies noch längst nicht das Ende aller Mühen, sonderen er mußte ab dem Frühherbst erst noch ausgedroschen werden. Dies war zu jener Zeit noch aufwändige Handarbeit. Deshalb half man sich gegenseitig unter Nachbarn. Das beste Mittel, um bei dieser eintönigen Arbeit alle bei Laune alle zu halten, war eine gute Verpflegung. Und weil das Dreschen eine staubige Angelegenheit war, wurde auch hin und wieder ein Schnaps getrunken.
Unerwartete Gäste
Die Arbeit auf der Tenne hatte sich schon bis 21 Uhr hingezogen, als plötzlich Besuch in der Tür stand. Heinrich erkannte sofort, dass es sich um Bernhard Stöing und Johann Hassels handelte. Bernhard war 14 Jahre älter als er und war der Sohn des Alstätter Holzschuhmachers und Wirtes Johann Ströing. Heinrich und Bernhard hatten zwar den gleichen Namen, waren aber nicht näher miteinander verwandt. Das war Heinrich auch recht so, denn er sah in Bernhard einen Taugenichts, der einen weiten Bogen um die Arbeit machte.
„Naturam expelles furca, tamen usque recurret“
Römisches Sprichwort
(Auch wenn du die Natur mit der Mistgabel
austreibst, wird sie immer zurückkehren.)“
Bernhard selbst hielt sich für etwas Besseres, denn als Uhrmacher übte er einen eher ungewöhnlichen Beruf aus. Um 1900 befand sich fast in jedem Haushalt eine Standuhr. Ging diese nicht richtig, dann wurde Bernhard gerufen. Sein Handwerk allein reichte jedoch längst nicht, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Daher verdingte er sich zudem noch als Tagelöhner. Das war allerdings eher die Ausnahme, denn die Uhrmacherei lag ihm näher als harte körperliche Arbeit. So kam er viel unter die Leute und nach getaner Arbeit gab es meist auch Schnaps zu trinken. So passierte es häufig, dass abends die Uhren wieder richtig gingen, Bernhard hingegen nicht mehr.
Bernhard und sein Gefährte Hassels kamen mit großem Hallo auf Ströings Tenne. Sie wollten mal nach dem Rechten schauen. Der Uhrmacher hatte Heinrich gerade noch gefehlt. Die Arbeit war noch nicht getan und jetzt kam dieser Plagegeist dahergelaufen. Wenn Bernhard angetrunken war, dann wurde er häufig unangenehm. Er begann dann immer zu krakeelen, suchte Streit und fiel so seinen Mitmenschen zur Last. Kaum war er im Haus, fing er schon an, sich über seinen letzten Kunden zu ereifern. Bei einem Nachbarn der Ströings hätte er die Uhr repariert und zum Dank hätte er nur Kaffee bekommen, keinen Schnaps.
Ein (Dresch)-Flegel wird handgreiflich
Mit der Aussicht auf Schnaps gelang es Heinrich, die beiden Besucher für die Arbeit zu gewinnen. Während die Männer mit dem Dreschen weitermachten, wurde Maria Voss in die Küche geschickt, um schon mal die Schnapsflasche zu holen. Auf das Dreschen folgte ein Schnaps, dann wieder Dreschen dann wieder Schnaps. Schließlich setzten sich drei angetrunkene Männer an den Küchentisch, wo man gemeinsam zu Abend aß und die Schnapsflasche weiter kreiste.
Heinrichs Hoffnungen, Bernhard mit Schnaps zufrieden zu stellen, erfüllten sich nicht. Mit seinen 38 Jahren fühlte er sich dem deutlich jüngeren Heinrich überlegen. Der Uhrmacher wurde mit steigendem Alkoholpegel immer unflätiger. Mit allerlei Zoten versuchte er Heinrich zu provozieren, bis es den beiden Frauen zuviel wurde. Sie gaben Bernhard deutlich zu verstehen, dass es nun reiche. Sie brachten ihn mehrmals vor die Tür, damit er endlich nach Hause ging. Doch Bernhard dachte gar nicht daran. Immer wieder fand er den Weg ins Haus, wo er die Frauen weiter belästigte.
Heinrich war inzwischen wieder an die Arbeit gegangen als ihn Bernhard ein weiteres Mal in die Quere kam. Da platze ihm der Kragen. Er überhäufte den Uhrmacher mit Flüchen, er solle sich endlich von Dannen machen. Das wollte sich Bernhard wiederum nicht bieten lassen. Er packte Heinrich an den Kragen, zog ihn mit aller Kraft durch die offene Tennentür. Dort ließ er nicht locker sondern zerrte ihn weiter in Richtung des Wassergrabens, der sich vor dem Hof befand. Bernhard warf ihn hinein und drückte ihn ein ums andere Mal den Kopf unter Wasser. Immer wieder tauchte er Heinrich das Gesicht in den Graben, so dass er nach einiger Zeit drohte, zu ertrinken.
Maria hatte all das mitbekommen und rief Johann Hassels zur Hilfe. Der kam dazu und trennte die Steitenden. Während Hassels Heinrich aus dem Graben half, versuchten die Frauen erneut, den lästigen Gast den Weg ins Dorf zu weisen. Aber das vorherige Schauspiel wiederholte sich nochmals. Bernhard drang wieder ins Haus ein – diesmal unter lauten Drohungen, er werde sich Heinrich noch mal irgendwann packen.
Es kommt zur weiteren Eskalation
Für Heinrich war das Maß endgültig voll. Er forderte Bernhard auf, sofort den Hof zu verlassen. Bernhard nahm ihn noch immer nicht ernst: „Ich habe hier gerade so viel zu sagen wie Du“, antwortete er nur lapidar. „Ich lass mich von Dir doch nicht ins Wasser werfen. Mach Dich fort von hier“, schrie Heinrich. „Das tue ich nicht, Du kannst mir ja doch nichts“, provozierte der Uhrmacher weiter. Heinrich ergriff eine Mistgabel, holte aus und schlug damit Bernhard auf den Kopf.
„Die Mistgabel, plur. die -n, eben daselbst eine große dreyzinkige
Deutsches Wörterbuch
Gabel mit einem hölzernen Stiele, den Mist oder Dünger damit
aufzufassen, aufzuladen (…) in Niedersachsen die Mistforke“
Bernhard ging sofort zu Boden, wo er benommen liegenblieb. Kurz darauf halfen ihn die Männer wieder auf die Beine. Am Kopf hatte er eine klaffende und heftig blutende Wunde. Er wurde in die Küche gebracht, wo die Frauen seine Verletzung versorgten. Sie wuschen ihm das Blut vom Kopf und reinigten die Wunde. Nach Hause wollte Bernhard aber immer noch nicht. Er gab vor, dass ihn sein Bruder vermutlich ohnehin nicht reinlassen würde. Vom schlechten Gewissen geplagt erlaubte ihn Heinrich, über Nacht in seinem Haus zu bleiben.
Am nächsten Tag fand er dann endlich den Weg zurück ins Dorf. Von einem Arzt wollte Bernhard allerdings nichts wissen, obwohl ihn heftige Kopfschmerzen plagten. Er sei schon wesentlich schlimmer geschlagen worden. Und tatsächlich hatte sich sein Zustand wieder so weit stabilisiert, dass er zwei Tage später schon wieder im Wirtshaus angetroffen wurde. Mit Beginn der neuen Woche verschlechterte sich sein Zustand jedoch wieder. Bernhards Kopfwunde hatte sich entzündet. Erst am Donnerstag, den 25.09.1902 fanden Nachbarn Bernhard in seinem Bett daniederliegend. Sie verständigten noch einen Arzt aus Ottenstein. Doch für Bernhard kam jede Hilfe zu spät. Als der Arzt eintraf, war er bereits tot.
Heinrich auf der Anklagebank
Schon zwei Wochen nach Bernhards Beerdigung wurde Heinrich am 15. Oktober vor dem Münsteraner Schwurgericht angeklagt wegen Totschlags. Ankläger war der Münsteraner Staatsanwalt Bölling. Heinrichs Strafverteidiger war der Rechtsanwalt Plaßmann, ebenfalls aus Münster. Neben einer Reihe von Zeugen und Sachverständigen wurde auch das Corpus Delicti, eine dreizinkige Mistgabel, in der Verhandlung auf dem Zeugentisch vorgeführt.
Der Ahauser Medizinalrat Dr. Helmig und der Kreisarzt Dr. Wolters aus Coesfeld hatten die Obduktion der Leiche vorgenommen. Hierbei ergab sich, dass der Schlag mit der Forke ein drei Zentimeter großes Loch in Bernhards Schädeldecke verursacht hatte. Das abgesplitterete Knochenstück war infolge des Schlages in das Gehirn eingedrungen. Eine sofortige ärztliche Behandlung hätte die Wundinfektion möglicherweise noch verhindert und so Bernhard das Leben retten können.

Die Plädoyers des Staatsanwaltes und des Verteidigers unterschieden sich naturgemäß deutlich voneinander. Staatswalt Bölling plädierte auf vorsätzliche Körperverletzung mit Todesfolge. Heinrich hätte nicht in Notwehr gehandelt. Sein Verteidiger, der Rechtsanwalt Plaßmann, hielt es hingegen für erwiesen, dass Notwehr vorlag. Der Auseinandersetzung sei schwerer Hausfriedensbruch und ein tätlicher Angriff vorausgegangen. Er forderte daher Heinrichs Freispruch.
Die Geschworenen schlossen sich der Sicht des Verteidigers an und erkannten Heinrich für unschuldig. Das Gericht sprach ihn von der Anklage des Totschlages frei. Heinrich verließ das Schwurgericht in Münster als freier Mann.
Am 30.05.1903 – also gut 8 Monate nach dem Bernhard Ströings Tod – gebar Maria Voss einen unehelichen Sohn. Der Vater des Kindes war Heinrich Ströing, der wenig später Maria heiratete. Sie starb am 02.08.1958 in Alstätte. Heinrich Ströing überlebte seine Frau noch um fast 9 Jahre. Er starb am 21.05.1967 hochbetagt im Alter von 89 Jahren.
© H. Krasenbrink
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Quellen:
Westfälischer Merkur, 81 (15/10/1902) 524
Münsterischer Anzeiger, 51 (16/10/1902) 575
Ahauser Kreiszeitung, 22 (18/10/1902) 84
Ahauser Kreiszeitung, 22 (27/09/1902) 78
Kirchenbuch St.-Mariä_Himmelfahrt Alstätte, KB017/Seite 118
Kirchenbuch St.-Mariä_Himmelfahrt Alstätte, KB016/Seite 101
Abbildungen:
Abbildung 1: Ahauser Kreiszeitung, 22 (27/09/1902) 78
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