Wer solche Nachbarn hat, braucht keine Feinde mehr. Schon vor Jahren hatte es angefangen – immer dann, wenn Schülingkamp im Suff nach Hause kam. Erst waren es nur harmlose Scherze. So hatten die jungen Männer aus der Nachbarschaft einmal seine Milchkannen umgeworfen. Aber mit der Zeit wurden aus harmlosen Streichen boshafte Sachbeschädigungen. Immer wieder warfen die Burschen Steine auf sein Haus, so dass Fensterscheiben und Dachziegel zu Bruch gingen.

„Eine Mistgabel (mhd. die mistgabel, ahd. die mistcapala, mistgabala) oder auch Mistforke ist ein mit Zinken versehenes, etwa 170 cm langes landwirtschaftliches Werkzeug, das hauptsächlich zum Aufnehmen und kurzzeitigen Transport von Mist und Einstreu verwendet wird. (…) Wie alle Gabeln ist auch die Mistgabel eine ständige Quelle für Arbeitsunfälle.“

WIKIPEDIA

Und so eskalierte es immer weiter: Mal machten sie sich an seinem Pflug zu schaffen und mal sabotierten sie die Sturzkarre. 1899 legten die selbsternannten Ordnungshüter schließlich auch ihre letzten Hemmungen ab. Seitdem wurden sie immer wieder handgreiflich und verabreichten Schülingkamp Prügel, wenn er mal wieder im Vollrausch durch die Nachbarschaft lärmte. Dabei war Schülingkamp einst voller Tatendrang nach Grütlohn gezogen. 

Abbildung 1: Westenborken und Grütlohn um 1897

Einem kleinen Aufstieg folgt ein tiefer Absturz

Johann Schülingkamp war ein typischer Kleinbauer seiner Zeit. Im Jahre 1856 wurde er in Vardingholt als das sechste von neun Kindern des Kötters Franz Bernhard Schülingkamp und seiner Frau Gesina Elisabeth Terhart geboren. Als sein Vater starb, war Johann Schülingkamp gerade 13 Jahre alt.

Den elterlichen Hof erbte sein ältester Bruder Anton, der 1875 die aus Grütlohn stammende Maria Elisabeth Gesing zur Frau nahm. Als nachgeborener Sohn musste sich Schülingkamp also anderweitig sein Brot verdienen, wenn er nicht als unverheirateter Onkel auf dem Kotten bleiben wollte. Als Junggeselle fand er zunächst Arbeit und Wohnung in der Bocholter Feldmark..

Johann Joseph Schülingkamp wurde am 14.04.1856 in Vardinholt Nr. 17 geboren. Seine Eltern waren die Eheleute Franz Bernard Schülingkamp (*23.11.1816 +06.11.1869) und Gesina Elisbeth Terhart gnt. Rötering (*09.01.1820 +23.11.1883).

Er hatte noch acht Geschwister:

  • Anton Bernard *24.11.1845
  • Maria Adelheid *19.06.1847
  • Johann Bernhard Franz *26.02.1849
  • Heinrich Melchior *08.05.1851 +20.01.1868
  • Christina Wilhelmina *26.11.1853
  • Margaretha Elisabeth *18.11.1858
  • Maria Bernhardina 07.08.1861
  • N.N. Tochter 26.07.1866 +26.07.1866

Johann Schülingkamp heiratete am 27.05.1893 in Borken die aus Grütlohn stammende Maria Gertrud Gesing. Die Eheleute hatten zwei Kinder:

  • Anna Bernardina Josefina *08.05.1894
  • Franz Gustav Johann *26.05.1897

Eine soziale Aufstiegmöglichkeit ergab sich für Schülingkamp 1893 durch seine Heirat mit Gertrud Gesing. Seine Braut war die 10 Jahre jüngere Schwester seiner Schwägerin. Schülingkamp zog auf den kleinen Kotten in Grütlohn Nr. 53., das Elternhaus seiner Frau. Weil die kleine Landwirtschaft allein noch keine ausreichende Existenzgrundlage bot, arbeitete er zusätzlich noch als Holzschuhmacher.

Zunächst nahm das Leben der Eheleute seinen gewöhnlichen Gang. Etwa ein Jahr nach der Hochzeit kam die Tochter Anna Bernardina Josefina zur Welt. Drei Jahre später folgte der Sohn Franz Gustav Johann. Aber schon bald wurde das Familienleben zunehmend auf die Probe gestellt, weil der Holzschuhmacher immer mehr seinem persönlichen Problem verfiel, dem Alkohol.

„Willst du nicht lernen mit der Feder schreiben, so schreib mit der Mistgabel“

Deutsches Sprichwort

Eigentlich war Schülingkamp ein rechtschaffender und anständiger Mensch, doch die Sucht trieb in immer mehr in eine Abwärtsspirale. Innerhalb weniger Jahren machte der Schnaps aus ihn einen völlig anderen Menschen. Es gab Phasen, in denen er sich scheinbar gefangen hatte. Dann war er ein tüchtiger Handwerker und sorgender Familienvater. Darauf folgten allerdings Tage und Wochen, in denen er völlig seiner Trunksucht verfiel. Für seine Familie wurde er dadurch zur Belastung, die er mit in den Abgrund zog. Dazu kam noch die zunehmende soziale Isolation. Anfangs galt er nur als merkwürdiger Sonderling. Später wurde er aber mehr und mehr zum Gespött seiner Grütlohner Nachbarn.

Die Nachbarn sorgen für „Ordnung“

Immer wieder kam es vor, dass Schülingkamp im volltrunkenen Zustand die Kontrolle über sein Tun verlor, laut wurde und auf dem Hof Unfug trieb. Seine Eskapaden nahmen einige junge Männer aus der Nachbarschaft gerne zum Anlass, zu ihm zu gehen, ihn zur Rede zu stellen um ihn zur Vernunft zu bringen. Wer, wenn nicht die Nachbarn, sollte den lärmenden Holzschuhmacher zur Räson bringen und Ruhe und Ordnung wieder herstellen?

Für ihre Rechtschaffenheit wurden die Burschen aber auch mit einem gewissen Unterhaltungswert belohnt. Vor lauter Sensationslust und Schadenfreude hatten die Männer schon längt jegliches Maß verloren, wenn sie Schülingkamp wieder einmal Ihre Aufwartung machten. Schließlich schreckten sie nicht einmal mehr vor Gewalt zurück. All diese Schikanen und Diskriminierungen änderten natürlich nichts an Schülingkamps erbärmlicher Situation. Aber darauf kam es den Nachbarn offenbar schon längst nicht mehr an.

Einer der Rädelsführer aus der Nachbarschaft war der 30-jährige Ackerknecht Franz Joseph Schmeing. Joseph war auf dem Hof Schmeing in Grütlohn Nr 41 aufgewachsen. Nach dem Tod seines Vaters war die große Familie auf einen Kotten in die benachbarte Bauerschaft Westenborken gezogen. Mit dabei war auch sein Freund Heinrich Stegemann, der ebenfalls aus Grütlohn kam.

Franz Joseph Schmeing wurde am 08.11.1871 in Grütlohn Nr. 41 geboren. Seine Eltern waren die Eheleute Johann Bernard Schmeing (*1836 +30.12.1884) und Maria Adelheid Hadder (*1835 +22.09.1922), die am 25.06.1861 geheiratet hatten. Nach dem Tod seines Vaters zog die Familie nach Westenborken Nr. 12.  

Er hatte noch zwölf Geschwister:

  • Maria Catharina *14.08.1862
  • Maria Gertrud *25.02.1864
  • Johann Heinrich *02.07.1865 +13.04.1944
  • Johann Albert *11.12.1866
  • Johann Bernard *25.03.1868
  • Hubert *22.12.1869
  • Maria Christina *15.05.1873
  • Maria Anna Adelheid *16.12.1874
  • Johann Hermann Aloys *21.04.1877
  • Johann Wilhelm *17.09.1878 +05.11.1878
  • Anna Catharina *28.03.1880 +11.05.1880
  • Maria Anna Gertrud *12.03.1882

Am Abend des 19. Juni 1902 kam Schülingkamp wieder einmal sturzbetrunken nach Hause. Als er wie so häufig auf seinem Kotten anfing zu lärmen, beschlossen Joseph und einige andere Nachbarn ihn einen Besuch abzustatten. Joseph und Heinrich Stegemann nahmen jeder ein Stock mit, um so Schülingkamp zur Rede zu stellen.          

Mensur mit der Mistgabel

Schülingkamp fasste diesen Auftritt als Bedrohung auf. Er nahm sich eine Holzlatte und jagte die Männer damit von seinem Kotten, bis zum Hof seines Nachbarn Joseph Burhoff. Als Schülingkamp umkehrte, folgten ihm die jungen Burschen jedoch wieder. Das Spielchen begann von neuem.

Diesmal nahm Schülingkamp eine vierzinkige Mistgabel, um die Nachbarn erneut von seinem Hof zu vertreiben. Diese ergriffen daraufhin erneut die Flucht. Joseph erwischte er jedoch mit der Mistgabel. Der gestochene stürzte zu Boden. Er erhob sich aber sofort wieder und zusammen mit einem anderen Nachbarn versetzten sie Schülingkamp eine deftige Tracht Prügel.

Danach wurden die erlittenen Wunden versorgt. Der Stich mit der Mistgabel, war doch ernsthafter als zunächst angenommen. Seine Freunde begleiteten Joseph nach Hause und es mußte ein Arzt hinzugerufen werden. Zwei Zinken waren vier Zentimeter tief in den Unterbauch eingedrungen.

„Behüt vns vor Mistgabeln, die machen drey Löcher“

Deutsches Sprichwort

Am nächsten Tag wurde Joseph in das Borkener Krankenhaus eingeliefert. Die Verunreinigungen der Wunde führten zu einer Entzündung, gegen die es zu jener Zeit noch keine wirksamen Mittel gab. Schon am darauffolgenden Tag, am 21.06.1902, verstarb Joseph an den Folgen seiner Verletzung.

Schülingkamp vor Gericht

Am 09.10.1902 wurde Johann Schülingkamp vor dem Schwurgericht Münster der Prozess gemacht. Neben den ärztlichen Gutachtern waren neun weitere Zeugen geladen, unter ihnen auch die Frau des angeklagten. Gertrud Gesing verzichtete auf ihr Zeugnisverweigerungsrecht und nutzte die Möglichkeit, durch eine umfassende Aussage ihren angeklagten Ehemann zu verteidigen.

Sie berichtete von der Trunksucht ihres Mannes und seinem persönlichen Niedergang während der letzten Jahre. Vor allem aber ließ sie kein gutes Haar an ihren Nachbarn. Sie schilderte ausführlich, wie sie und ihre Familie immer wieder unter den Bedrohungen, den Nachstellungen, der Gewalt und den Diskriminierungen der jungen Burschen gelitten hätten.

Der angeklagte Schülingkamp selbst, äußerte sich ebenfalls zu seiner Tat. Er räumte ein, dass er von den Burschen aufs äußerste provoziert worden sei und auch, dass er die Mistgabel zur Hand genommen hatte. Die schwere Verletzung des Joseph Schmeing wäre jedoch nicht vorsätzlich gewesen, sondern dieser sei vielmehr bei dem Handgemenge in die Gabel hineingelaufen.

Die Staatsanwaltschaft ließ dies unbeeindruckt. Sie forderte vom Gericht, Schülingkamp der vorsätzlichen Körperverletzung ohne Zubilligung mildernder Umstände für schuldig zu erklären. Die Verteidigung plädiert hingegen auf fahrlässige Tötung. Zu dieser Auffassung kamen schließlich auch die Geschworenen. Das Gericht verurteilte danach Johann Schülingkamp zu einer Gefängnisstrafe von einem Jahr.

Abbildung 2

Nach Verbüßung seiner Strafe kehrte Johann Schülingkamp wieder zurück zu seiner Familie. Maria Gertrud Gesing lebte noch bis zum 28.04.1929. Johann Schülingkamp überlebte seine Frau noch um weitere 20 Jahre und starb hochbetagt im Alter von fast 90 Jahren am 08.02.1946 in Grütlohn. Ob er im Laufe seines späteren Lebens den Alkohol überwinden konnte, konnte nicht geklärt werden. Sein hohes Alter lässt dies jedoch vermuten..

© H. Krasenbrink

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Quellen:

Kirchenbuch Rhede St.-Gudula, KB 017/Seite 6

Münsterischer Anzeiger 51 (10/10/1902) 562

Landesarchiv NRW Abteilung Ostwestfalen-Lippe, P 9 / 4 (Standesämter Kreis Borken), Nr. 66, Seite 61  

Landesarchiv NRW Abteilung Ostwestfalen-Lippe, P 9 / 4 (Standesämter Kreis Borken), Nr. 328, Seite 431 

Kirchenbuch Borken St.-Remigius, KB 019/Seite 141

Landesarchiv NRW Abteilung Ostwestfalen-Lippe, P 9 / 4 (Standesämter Kreis Borken), Nr. 73, Seite 297 

Einwohnerbuch des Stadtkreises Bocholt. der Städte Borken und Anhold und der Ämter des Landkreises Borken, Seite 403

Abbildungen:

Abbildung 1: Ausschnitt Messtischblatt 1897

Abbildung 2: Bielefelder Volkszeitung,(10/10/1902) 236


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