In Ramsdorf herrschte zu Beginn des 20. Jahrhundert noch immer beklemmende Enge. Die kleine Ackerbürgerstadt beheimatete in ihren alten Mauern zwar nur wenige Hundert Seelen. Doch vor allem in den kleinen Häusern am Rand war mächtig viel Druck im Kessel. Druck, der sich gelegentlich in Form von Gewalt entlud.
Joseph Pirick hatte genug. Er hatte genug von seinen Zechkumpanen, genug vom dummen Geschwätz der beiden Stahlhauer Brüder und vor allem hatte er genug Schnaps intus. Er hatte gerade das Haus seines Nachbarn Anton Renner am Eiland verlassen, als der 17-jährige Fritz Stahlhauer hinter ihm hergelaufen kam. Kurz zuvor waren sie ihm noch krumm gekommen und jetzt begann Fritz wieder damit, Süßholz zu raspeln. Mit salbungsvollen Worten versuchte der junge Bursche den wesentlich älteren Pirick einzuseifen, ihn milde zu stimmen, ihn womöglich hinzuhalten um… ja, warum eigentlich?
Aber jetzt reichte es. Pirick herrschte ihn an, er solle schnellstens verschwinden. Doch Fritz ließ nicht locker, versuchte nochmals, Pirick zum Bleiben zu überreden. Dann knallte es. Pirick hatte Fritz eine Ohrfeige verpasst, die sich gewaschen hatte. Die hatte gewirkt. Der Bursche hielt sich die Wange, drehte sich um und ging zurück zum Renner’schen Haus.

Eine Kleinstadt im Umbruch
In Ramsdorf schienen um 1907 die Uhren noch ein wenig stehengeblieben zu sein. Weite Teile der alten Kleinstadt, die mit ihren umliegenden Bauernschaften nur rund 750 Einwohnern ein Zuhause bot, lagen immer noch in ihren alten mittelalterlichen Grenzen da. Zwar hatte die Weberei L. B. Lühl aus Gemen in dem alten Ramsdorfer Burgbezirk ab 1874 eine Spinnerei eingerichtet, doch einen wirklichen Aufbruch in die Moderne hatte dies noch nicht bewirkt. Stattdessen führte dies noch zu einer Verschärfung des ohnehin schon knappen Wohnraumes.
Reich war Ramsdorf im Übrigen nur an Kindern. Doch die hohe Kindersterblichkeit hielt dagegen und hatte in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts sogar zu einem Rückgang der Einwohnerzahlen geführt. Besonders schlimm war das Jahr 1893, in dem der Totengräber 85 Gräber ausheben musste. 36 davon wurden für Kinder benötigt, die vor allem von der Diphtherie dahingerafft wurden. Auch das war eine Folge der mangelhaften Wohnverhältnisse und hygienischen Missstände in der Kleinstadt.
Es sollte noch bis zum Jahr 1904 dauern, bis sich außerhalb der alten Mauern Neues entwickelte. In diesem Jahr wurde die Eisenbahnstrecke von Borken nach Coesfeld eröffnet, wodurch auch Ramsdorf einen kleinen Bahnhof und Anschluss an die Welt erhielt. So kam es endlich südlich des alten Stadtbezirkes zu einer ersten nennenswerten Ansiedlung von Häusern und Gewerbebetrieben.
Zwei typische Familien?
Damit die Transportgüter der Zeit, wie beispielsweise Kohle, Getreide und Kunstdünger aber auch die Rohstoffe und Erzeugnisse der Textindustrie nicht am Bahnhof liegenblieben, bedurfte es einiger Fuhrleute. Ein solcher Fuhrmann war der 26-jährige Joseph Pirick. Pirick wohnte im Haus seines Vaters und seiner Stiefmutter am oberen Ende des Eiland. Es lag nur einen Steinwurf von der Bocholter Aa entfernt. Das Eiland war jene alte Wallgasse, die Ramsdorf in süd-östlicher Richtung halb umschloss.
Joseph Bernhard Pirick wurde am 11.04.1881 in Ramsdorf geboren. Seine Eltern waren der aus Gescher-Estern stammende Bernard Pirick (*15.01.1843 +07.09.1912) und die eingesessene Ramsdorferin Christine Walter (*22.10.1854 +11.06.1888). Die Eheleute heirateten am 08.06.1880, in St.-Walburga in Ramsdorf.
Joseph Pirick hatte noch eine jüngere Schwester:
- Anna Carolina *04.05.1885
Bernhard Pirick heiratete am 26.02.1889 die aus Stadtlohn stammende Christina Jödden (*25.09.1854+22.11.1931). Mit ihr hatte er noch zwei weitere Kinder:
- Maria Anna *14.03.1892
- Anna Elisabeth *26.02.1894
Einer, der regelmäßig Piricks Dienste als Fuhrmann in Anspruch nahm, war der 32-jährige Ramsdorfer Straßenpflasterer Joseph Stahlhauer. Stahlhauer wurde am 1875 als drittes von sechs Kindern des Drechslers und Stuhlmachers Friedrich Stahlhauer und Christina Köhne geboren. Seine Mutter starb 1884, aber schon drei Monate später heiratete sein Vater erneut. Aus dieser zweiten Ehe gingen zwei weitere Kinder hervor, unter ihnen Josephs Halbbruder Friedrich. Aber auch Josephs Stiefmutter starb schon 1891. Wieder dauerte es nur wenige Monate, bis der alte Stahlhauer Catharina Buss zu seiner dritten Frau nahm. Der „Kindersegen“ setzte sich ohne Unterbrechung fort und bis zum Jahr 1901 folgten die Sprößlinge neun bis 14.
Joseph Stahlhauer wurde am 22.06.1875 in Ramsdorf geboren. Seine Eltern waren Joseph Friedrich Stahlhauer (21.04.1849* +19.03.1931) und Christina Köhne (*02.03.1848 +09.11.1884). Die Eheleute heirateten am 07.06.1869, in St.-Walburga in Ramsdorf.
Joseph Stahlhauer hatte noch fünf Geschwister:
- Johann Franz Stahlhauer *04.09.1869
- Heinrich Joseph Stahlhauer *11.09.1872
- Maria Elisabeth *11.10.1878
- Antonia Franziska *10.06.1882
- Gertrud *13.08.1884 +26.05.1885
Friedrich Stahlhauer heiratete am 04.02.1885 Christina Catharina Schwers gnt. Passmann (28.03.1860 +08.03.1891). Mit ihr hatte er zwei weitere Kinder:
- Gertrud *02.08.1886
- Friedrich *11.09.1889
Friedrich Stahlhauer heiratete am 09.07.1891 Catharina Buss (*1860 +16.04.1904). Mit ihr hatte er sechs weitere Kinder:
- Aloysius *21.12.1892
- Walburga *26.05.1894 +06.05.1901
- Gertrud Helena 12.10.1895
- Wilhelm Walter Joseph * 08.10.1898
- Gerhard Heinrich *28.02.1900 +16.06.1900
- Aloysia Theodora * 01.04.1901
Als der Pflasterer Stahlhauer 25 Jahre alt war, wurde es höchste Zeit, der Enge des Elternhauses zu entfliehen. Also heiratete er am 08.01.1901 die acht Jahre ältere Maria Louise Nienhaus. Sie war die Witwe des 1899 verstorbenen Arbeiters Bernhard Kreilkamp, die ihre drei noch verbliebenen Kinder mit in die Ehe brachte. Bis zum Jahr 1907 kamen noch drei weitere gemeinsame Kinder hinzu, womit sich auch das Kreilkamp‘sche Haus in der Hüpohlstraße Nr. 8 im Westen der kleinen Stadt Ramsdorf allmählich füllte.
Pack schlägt sich – Pack verträgt sich
Ob es nun an den beengten Wohnverhältnissen oder an seiner schweren Jugend lag, ist nicht feststellbar. Fest steht jedoch, dass Stahlhauer ein äußerst schwieriger Charakter war. Man kannte ihn in und um Ramsdorf als streitsüchtigen und gewalttätigen Menschen. Wer ihn begegnete machte lieber einen Umweg, denn häufig war er auf Ärger aus. Wer sich mit ihm anlegte, dem zeigte er auch gelegentlich sein Messer. Diese zweifelhaften Wesenszüge hatten ihn schon mehrere Vorstrafen wegen Körperverletzung und Hausfriedensbruch eingebracht.
Aber auch der Fuhrmann Pirick galt nicht gerade als zurückhaltend. Insbesondere wenn Alkohol im Spiel war, neigte auch er zu Jähzorn und Streit. Im Gegensatz zu Stahlhauer war Pirick jedoch noch nicht in Konflikt mit dem Gesetz geraten.
Jeder der beiden konnte allein schon sehr unangenehm sein. Wenn Pirick und Stahlhauer jedoch zusammen durch die Kneipen und um die Häuser zogen, dann lagen nicht selten Gewitter in der Luft. Und wenn die beiden gar miteinander in Streit gerieten, dann entluden sich die Gewitter nochmals heftiger.
Wie kam es zum Streit?
Der 2. Juni 1907 war ein Sonntag. Wie so oft hatten die beiden Kerle ihren freien Tag in verschiedenen Ramsdorfer Wirtshäusern verbracht und waren gegen Abend schon stark alkoholisiert. Zwischen Pirick und Stahlhauer herrschte an diesem Tag mal wieder dicke Luft. Stahlhauer hatte bei dem Fuhrmann noch eine Rechnung über 6 Mark offen, die Pirick schon mehrmals deutlich eingefordert hatte. Trotzdem fanden sich die beiden mit einigen weiteren Männern nach Sonnenuntergang gegen 22 Uhr bei Piricks Nachbarn Anton Renner am Eiland ein. Auch Friedrich Stahlhauer, der 17jährige Halbbruder des Pflasterers war dabei. In der Küche beschloss man, nochmals Geld für eine letzte Runde Schnaps zusammenzulegen. Jeder legte die üblichen 20 Pfennige auf den Tisch, nur Pirick zeigte sich etwas knauserig, als er nur 10 Pfennige beisteuerte.

Für Joseph Stahlhauer kam dies einem Affront gleich. Er sprang auf, wollte dem Pirick an den Kragen wurde aber von den anderen daran gehindert. So blieb es ihm nur, wutentbrand den Fuhrmann mit Flüchen zu überschütten. Auch wenn er schon mehrmals wegen Körperverletzungen gesessen hätte, wären es ihm fünf weitere Jahre Gefängnis wert, dem Pirick einmal eine ordentliche Lektion zu verpassen.
Pirick hatte genug
So kam es, dass Pirick mit einer gehörigen Portion Wut im Bauch das Renner’sche Haus verließ. Seinen Fuhrlohn wollte ihn Stahlhauer nicht zahlen, aber wegen 10 Pfennige ließ er es zum Eklat kommen. Draußen tauchte dann plötzlich Fritz Stahlhauer auf, wollte wieder Gutwetter machen und ihn umstimmen. Aber Pirick witterte eine Finte. Bestimmt wollte er ihn nur aufhalten, bis sein großer Bruder nachkommen würde. Also klatschte Pirick dem 17-jährigen eine ordentliche Backpfeife um die Ohren. Der 17-jährige kehrte beleidigt in Renners Küche zurück und berichtete seinem älteren Bruder.
Anstatt sofort nach Hause zu gehen, ging Pirick noch einmal in die kleine Stiege, die neben seinem Haus in Richtung Aa führt. Hier stellte er immer sein Fuhrwerk ab und er wollte sich vergewissern, dass sich niemand an seinem Wagen zu schaffen machte. Schließlich war es schon mehrmals vorgekommen, dass irgendwer die Lünsen aus den Radnaben entfernt hatte. Und wenn ein Rad ablief, dann konnte ein großes Malheur passieren. Es war stockfinster, als er Stimmen vernahm. Er konnte niemanden erblicken, aber an den Stimmen erkannte er die beiden Stahlhauer Brüder. Dann stellt ihn Fritz Stahlhauer zur Rede und wollte wissen, warum er ihn geschlagen hatte.
Pirick fühlte sich bedroht. Er ergriff eine Wagenrunge und schlug damit blind um sich. Er traf dabei Joseph Stahlhauer am Kopf, der sofort lautlos zu Boden ging. Ein zweiter Schlag traf Fritz, der daraufhin über die Aabrücke flüchte und sich in einem Reisighaufen versteckte. Jetzt überkam Pirick erst recht die Wut und er schlug mit der schweren Runge immer weiter auf den am Boden liegenden Stahlhauer ein. Stahlhauer wimmerte und stöhnte: „Lass ab, ich kann es nicht mehr haben“. Aber Pirick ließ nicht ab, bis Stahlhauer schließlich verstummte. Der Schwerverletzte wurde danach noch ins Ramsdorfer Krankenhaus gebracht. Hier verstarb Stahlhauer drei Stunden später, ohne zuvor sein Bewusstsein wiedererlangt zu haben. Pirick wurde noch in derselben Nacht verhaftet.
Kurzer Prozess
Schon vier Tage nach der Tat, am 04.07.1907, wurde Pirick vor dem Münsteraner Schwurgericht angeklagt wegen vorsätzlicher Körperverletzung mit Todesfolge. Pirick blieb nichts anderen übrig, als die Tat einzuräumen. Er berief sich jedoch auf eine Notwehrsituation. Er sei von den Stahlhauer Brüdern bedroht worden und hätte ihnen mit dem Schlag zuvorkommen wollen.
Diese Rechtfertigung war jedoch wenig überzeugend. Auf die Nachfrage, warum er denn immer wieder auf den Stahlhauer eingeschlagen hätte, sagte er, dass er nur auf seine Beine gehalten hätte, um ihn am Laufen zu hindern. Die Staatsanwaltschaft wollte Pirick dies nicht abkaufen, während die Verteidigung weiter auf Notwehr und für mildernde Umstände plädierte. Die Geschworenen erkannten danach den Angeklagten Pirick für schuldig unter Zubilligung mildernder Umstände. Das Gericht verurteilte ihn schließlich zu drei Jahre Gefängnis und ging dabei aufgrund der ungehemmten Brutalität sogar noch über die Forderung der Staatsanwaltschaft hinaus.
Maria Louise Nienhaus, die Witwe des Joseph Stahlhauer, heiratete nicht erneut. Sie starb am 05.04.1930. Friedrich Stahlhauer heiratete am 12.11.1912 in Velen Catharina Kniach, starb aber schon wenige Monate später am 17.04.1913 in Velen und wurde nur 24 Jahre alt.
Joseph Pirick kehrte nach Verbüßung seiner Haftstrafe nach Ramsdorf zurück und wohnte weiterhin in seinem Elternhaus im Eiland. Als Teilnehmer am 1. Weltkrieg wurde er an der Westfront zweimal verwundet und zwischenzeitlich vermisst gemeldet. Als Kriegsheimkehrer zog er wieder ins Eiland nach Ramsdorf.
Am 08.10.1926 schafften es die Piricks noch einmal in die Zeitung, als das gesamte Anwesen am Eiland Nr. 51 einem Raub der Flammen wurde. Die Stiefmutter Christina Jödden lebte noch bis zum 22.11.1931. Joseph Pirick selbst lebte noch mindestens bis 1936 in Ramsdorf. Sein Todestag konnte noch nicht ermittelt werden.

© H. Krasenbrink
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Quellen:
Münsterischer Anzeiger 56 (05/07/1907) 439
Viersener Zeitung 60 (06/07/1907) 150
Dülmener Zeitung 34 (06/07/1907) 81
Münsterischer Anzeiger 75 (09/10/1926) 942
Kirchenbuch Ramsdorf St. Walburga, KB 017/Seite 107
Kirchenbuch Ramsdorf St. Walburga, KB 014/Seite 43
Kirchenbuch Ramsdorf St. Walburga, KB012/Seite 63
Adressbuch Kreis Borken 1926, Seite 428
Abbildungen:
Abbildung 1: Messtischblatt 1897
Abbildung 2: Heimatverein Ramsdorf
Abbildung 3: Münsterischer Anzeiger, 75 (09/10/1926) 942
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