Der Rheder Pfarrer Heinrich Alfers hatte gerade Besuch empfangen, als er aus dem Fenster seines Wohnzimmers blickte. Warum lungerte dieser seltsame Fremde dort vor seinem Gartentor herum? Schon einige Zeit stand er dort, abwartend und unentschlossen. Ungewöhnlich war auch, dass er offenbar seinen Sonntagsstaat trug – und das an einem Mittwoch. Schließlich öffnete der Mann das Tor und betrat den Vorgarten. Wieder blieb er stehen und blickte in gebückter Haltung auf den Weg. Endlich aber näherte er sich langsam dem Eingang des Pfarrhauses. 

Abbildung 1: Pfarrer Heinrich Alfers, um 1880

Pfarrer Alfers entschuldigte sich kurz bei seinen Gästen. Er stand auf, um den Fremden noch vor der Tür in Empfang zu nehmen. Wenn ihn seine ratsuchenden Schäfchen aufsuchten, dann war es stets besser, wenn sich diese nicht direkt begegneten. Das Pfarrhaus war schließlich kein Gasthaus. Er öffnete die Haustür und vor ihm stand ein sichtlich angegriffener Mann um die Mitte 20. Auf den Pfarrer wirkte der Fremde geistig verwirrt. Deshalb wollte er ihn nicht zwischen Tür und Angel abfertigen, sondern bat ihn in den Saal seines Hauses. Dann erzählte der Fremde eine unglaubliche Geschichte.  

Das „Mietkind“

Pfarrer Alfers hatte sein Amt in Rhede erst zwei Jahre zuvor angetreten. Deshalb konnte er nicht wissen, dass es sich bei dem merkwürdigen Besucher um einen Sohn seiner Gemeinde handelte. Es war der 26-jährige Bernard Updarp, der am 14.01.1862 von Alfers‘ Amtsvorgänger in der St.-Gudula-Kirche in Rhede getauft worden war. Seine Eltern waren der Weber Johann Hermann Updarp und dessen Ehefrau Ehefrau Catharina Messing. Die Familie wohnte in einem kleinen Haus an der Hardtstraße. Hier ging der Vater der tristen und eintönigen Arbeit eines Hauswebers nach.

Bernard Wenzel Updarp wurde am 13.01.1862 in Rhede Nr. 58 geboren. Seine Eltern waren die Eheleute Johann Herman Updarp (*1831 +15.08.1890) und Catharina Messing (*1839 +12.11.1897). Er war das älteste Kind seiner Eltern und hatte noch sieben Brüder:

  • Johann Heinrich *21.05.1864 +08.08.1913
  • Johann Franz *22.04.1867
  • Bernard Hermann *02.09.1870 +11.05.1872
  • Johann Joseph *17.03.1873 +19.03.1873
  • Johann Joseph *07.03.1874 +03.02.1915
  • Wilhelm *23.04.1876 +18.12.1878
  • Johann Hermann Christian *21.11.1878

Im Dorf galten die Updarps als eine redliche und fleißige Familie, der niemand etwas Schlechtes nachsagte. Doch die Zeiten waren hart und das sauer verdiente Geld reichte kaum aus, um die wachsende Kinderschar satt zu bekommen. Als ältestes Kind seiner Eltern wurde Bernard deshalb schon im Alter von nur zehn Jahren als sogenanntes Mietkind in die Obhut des Bauern Joseph Heinrich Teworte in Hoxfeld Nr. 68 gegeben. Derartige Vereinbarungen waren um jene Zeit nicht ungewöhnlich und zum beiderseitigen Vorteil. Hermann Updarp hatte einen Esser weniger am Tisch und beim Bauern Teworte gab es schon für einen zehnjährigen Knaben allerlei Möglichkeiten, sich nützlich zu machen. Das Wohl des Kindes stand dabei allerdings hinten an.

Beim Bauern zeigte der kleine Bernard schon bald ein auffälliges Verhalten. Er erwies sich als eigensinnig, widerspenstig und manchmal auch jähzornig. Auf dem Hof erging es ihm nicht schlechter als den meisten Kindern seiner Zeit. Dennoch wird Bernard unter der frühen Trennung vom Elternhaus, der Vernachlässigung und möglicherweise auch unter Gewalterfahrungen gelitten haben. Während der zweieinhalb Jahre, die Bernard in Hoxfeld verbrachte, ist er dreimal ausgebüxt. Doch anstatt sich zu seinen Eltern zu begeben, verbrachte der Knabe jedes Mal die Nächte unter freiem Himmel. Wie groß muss die Angst vor Strafe gewesen sein? Wie erschüttert war das Vertrauen in die Erwachsenen? Und was machen derartige Seelenqualen aus einem jungen Menschen?

Seinen Eltern blieb Bernard indessen ein Rätsel. Niemand konnte sich einen Reim darauf machen, warum sich das Kind so merkwürdig und eigenbrötlerisch verhielt. Sein Vater gewann immer mehr den Eindruck, dass sein Sohn „nicht richtig im Kopf“ sei. Ratsuchend wandte er sich an den Rheder Vikar Ferdinand Fontaine. Doch das Einzige, was dem Geistlichen dazu einfiel war, den Eindruck des Vaters zu teilen: Ja, der Knabe sei nicht richtig im Kopf.

Der tolle Updarp

Als 13-jähriger kehrte Bernard vom Hof des Bauern Teworte wieder in sein Elternhaus zurück. Dort ging er vor allem seinem Vater zur Hand und lernte von ihm das Weberhandwerk. Mit der Schulentlassung endete auch formal seine Kindheit, die eigentlich schon längst vorbei war. Mit 14 Jahren verdingte er sich zunächst einige Zeit als Handlanger am Bau. Es folgten verschiedene Tätigkeiten als Tagelöhner. Schließlich arbeitete er wieder in der Landwirtschaft als Knecht.

Zunächst war er 1 ½ Jahre auf dem Hof Vornholt gnt. Heming in Borkenwirthe beschäftigt. Danach wechselte er auf dem Hof des Bernard Becker gnt. Göring in Gemenwirthe. Beim Bauern Becker war er allerdings schon nach kurzer Zeit in Ungnade gefallen. Wenn Bernard unter Aufsicht arbeitete, dann wäre er tüchtig. War er aber unbeaufsichtigt, dann wäre auf ihn kein Verlass. Daher setzte ihn der Bauer schon nach einem halben Jahr wieder vor die Tür. Dies war zu jener Zeit ein unüblicher Vorgang, denn ein volles Jahr Dienst war eigentlich für beide Seiten Ehrensache.

Von 1883 bis 1885 leistete Bernard seinen Militärdienst ab. Dieser führt ihn nach Aachen, wo er bei der 12. Kompanie des 5. Westfälischen Infanterieregiment Nr. 53 in Garnison war. Die Zeit beim Kommiss war für Bernard offenbar eine angenehme Abwechselung von der eintönigen Arbeit auf dem Land. Im Gegensatz zu den Bauern hatten die militärischen Vorgesetzten an dem Gefreiten Updarp nichts auszusetzen. Seinesgleichen war er ein guter Kamerad, auch wenn ihm einige Macken nachgesagt wurden. Nach Beendigung seiner Militärzeit wurde er als Obergefreiter aus der Preußischen Armee entlassen.          

Nach seiner Militärzeit überwinterte Bernard zunächst bei seinen Eltern in Rhede, wo er als Hausweber arbeitete. Im Frühjahr 1886 nahm er eine Arbeit in der Baumwollspinnerei Gebr. Drießen in Bocholt an, wo er 1 ½ Jahre tätig war. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten sich die Wesenszüge, die ihn schon seit seiner früheren Kindheit kennzeichneten, weiter verfestigt. Einigen Kollegen galt er als unnahbarer und introvertierter Sonderling. Andere sahen in ihn einen hinterlistigen und boshaften Rohling. In der Fabrik nannte man ihn schließlich nur noch „den dullen Updarp“. Hinzu kam noch, dass Bernard immer wieder von Schwindelanfällen heimgesucht wurde. Diese seltsamen Attacken erlebte er eigentlich schon seit seiner Schulzeit und wurden häufig von merkwürdigen Geräuschen begleitet. Während seiner Soldatenzeit waren diese Symptome verschwunden, aber seit er in der Fabrik arbeitete, plagten sie ihn immer wieder.

Trautes Heim, Glück allein?

Seit Sommer 1886 begegnete Bernard auf seinem Weg zur Arbeit regelmäßig eine frühere Bekannte aus Rhede. Die etwa vier Jahre jüngere Bernardina Becks kannte er schon seit seiner Jugend. Die beiden hatten sich offenbar viel zu erzählen und kamen sich näher. Seit den Fastnachtstagen 1887 waren die beiden ein Paar. Nur kurze Zeit später wurde Bernardina schwanger.

Johanna Maria Bernardina Becks wurde am 15.11.1865 in Rhede Nr.225 geboren. Ihre Eltern waren die Eheleute Franz Hermann Becks (*15.12.1837 +15.03.1902) und Johanna Gertrud Lammers (*19.07.1837 +12.02.1872). Sie hatte noch vier Brüder:

  • Xaver Franz *07.09.1864 +09.08.1870
  • Bernard Anton *13.10.1867
  • Johann Joseph Theodor *05.05.1869 +30.07.1870
  • Johann Wilhelm *02.07.1870

Am 16.08.1887 heirateten Bernardina Becks und Bernard Updarp in St.-Georg in Bocholt. Ihr Sohn Hermann wurde am 30.12.1887 geboren.

Als die beiden heirateten, war Bernardina bereits im vierten Monat. Sie bezogen eine Wohnung in der westlichen Bocholter Feldmark unter der Hausnummer 526². Der Wirt Franz Oehmen, der an der Werther Chaussee seit einigen Jahren das Gasthaus „Maienthal“ betrieb, hatte dort in unmittelbarer Nähe zu seinem Lokal einige Arbeiterhäuschen errichtet. Ein kleiner Garten hinter dem Haus bot zudem die Möglichkeit, für den Eigenbedarf einige Kartoffeln und etwas Gemüse anzubauen.

Die Frischvermählten schienen sich gegenseitig gut zu tun. Sie kamen nicht nur einträglich miteinander aus, sondern waren im Grunde glücklich miteinander. Beide arbeiteten inzwischen in der Weberei Danner & Dorweiler am Bocholter Westend. Diese lag nur 10 Minuten entfernt von ihrer Wohnung. Zusammen verdienten sie in der Fabrik 4,50 Mark pro Tag. Das reichte für ein bescheidenes Leben. Nach all dem, was Bernard in seiner Jugend erlebt hatte, schien er endlich etwas zur Ruhe zu kommen.

Am 30.12.1887 wurde der Sohn Hermann geboren. Mutter und Kind waren beide wohlauf. Damit schien das junge Glück vollendet zu sein. Mutterschutz wurde zu jener Zeit nur in Form eines unbezahlten 3-wöchigen Arbeitsverbotes gewährt. Daher wurde der Säugling schon acht Wochen nach der Geburt zu Nachbarn gegeben. Die Pflegeeltern Friedrich Ratering und seine Frau Johanna Tieltjes erhielten hierfür 3 Mark pro Woche. Als Babynahrung wurde dem kleinen Hermann ein Brei aus Zwieback, Milch und Zucker verabreicht. So konnte Bernardina Becks rasch wieder in der Fabrik ihrer Arbeit nachgehen.

„Et löpp äs Danner und Dorweiler“

Am Mittwoch, den 4. Juli 1888 wurden bei Danner & Dorweiler wieder alle Hände gebraucht. Die Bocholter Textilindustrie florierte und die Weberei am Bocholter Westend war einer ihrer Vorzeigebetriebe. Zu dieser Zeit gab es in Bocholt das geflügelte Wort: „Et löpp äs Danner und Dorweiler“. Diejenigen, die an diesem Tag nicht liefen, waren Bernard und Bernardina. Beide waren bei Arbeitsbeginn nicht am Werkstor erschienen.

Der Werksmeister konnte es selbstverständlich nicht akzeptieren, wenn die Arbeitsmoral der Arbeiter nicht hochgehalten wurde. Gut, dass die Wohnung der beiden nur 10 Minuten entfernt lag. Also schickte er gegen Mittag einen Laufburschen dorthin. Bei der Wohnung angekommen, klopfte der Bote an, aber es regte sich nichts und niemand. Vorsichtig öffnete er die Tür und betrat die Küche. Aber was war das? Überall in der Küche lagen Kleider herum. Auf dem Boden lagen Papier, Körbe, Unrat und Holzreste verstreut. Es war ein einziges Chaos. Aber da war noch etwas: Der Bursche vernahm diesen typischen eisernen Geruch. Jeder kannte ihn vom Schlachten. Aber wer schlachtet schon mitten im Sommer? Weil niemand im Haus war, öffnete der Bursche vorsichtig die Schlafzimmertür.

Abbildung 2

Was der Bote im Schlafzimmer vorfand, ließ sein eigenes Blut in den Adern gefrieren. Nur kurz hatte er durch die Tür gelugt, sie aber sofort wieder zugezogen. Was er gesehen hatte, reichte, um ihn für den Rest seines Lebens schlecht schlafen zu lassen.

Der herbeigerufenen Polizei bot sich ein unvorstellbares Bild. Die kleine Kammer glich mehr einem Schlachthof als einem Schlafzimmer. Am Boden lagen die furchtbar zugerichteten sterblichen Überreste einer Frau. Ihr Kopf lag abgetrennt vom Rumpf in der einen Ecke, der Korpus der Toten in der anderen. Zwei Messer steckten noch in der Brust und Blut allerorten. Weitere Leichenteile waren vom Körper getrennt. Welcher Wahnsinn hatte hier gewütet?

Bocholt in Aufruhr

Die scheinbare Antwort fand man noch unmittelbar am Tatort: „Dies soll der Lohn dafür sein, dass du mich hast vergiften wollen“, so stand es auf einem Zettel geschrieben. Weil sowohl Bernard als auch Bernardina verschwunden blieben, zog die Polizei die nächsten Angehörigen hinzu. Dies waren Bernards Bruder Johann Updarp und Bernardinas Bruder Bernard Becks, die ebenfalls beide in Bocholter Fabriken beschäftigt waren. Ihnen blieb es nicht erspart, die grässlich zugerichtete Leiche in Augenschein zu nehmen. Beide konnten nur noch bestätigen, dass es sich bei der Toten um die Schwester bzw. die Schwägerin handelte. Und die Zeilen auf dem gefundenen Zettel wurden offensichtlich von Bernard geschrieben. Doch der blieb unauffindbar. Und wo war der kleine Sohn der Eheleute? 

Die verstörenden Neuigkeiten verbreiteten sich in Windeseile und versetzen die Bocholter in Fassungslosigkeit. Bernard war zwar als „der Dulle“ bekannt, aber er stand nicht im Ruf, zu Gewalt zu neigen. Auch war er dem Alkohol nicht über Maßen zugeneigt. Noch am Vorabend hatte man ihn im Sonntagsanzug auf der Straße gesehen. Einige meinten, Bernard wäre vom Teufel besessen.

Die Mütter holten ihre Kinder in die Häuser und die Menschen fragten sich, wo sich der Unhold aufhielt, der diese entsetzliche Tat vollbracht hatte. Und was könnte er sonst noch anrichten? Die Gerüchte schossen ins Kraut und wurden noch weiter befeuert als die Bürger von Bernards Selbstbezichtigung erfuhren. Man war sich einig: Dies konnte nur die Tat eines Wahnsinnigen sein.

Immerhin konnte der kleine Hermann rasch ausfindig gemacht werden. Er war am Vorabend nicht von seinen Eltern bei den Raterings abgeholt worden. Das kam gelegentlich vor, wenn es in der Fabrik mal später wurde. Dann blieb der Knabe eben einfach über Nacht. Während der Kleine in Sicherheit war, verharrte die Bevölkerung in Unruhe, denn Bernard blieb verschwunden.

Auf Irrwegen durch die Bauerschaften

Es war am frühen Nachmittag am Vortag, als Bernard im Sonntagsanzug am Ufer der Bocholter Aa entlang lief. Sein Weg führte ihn nach Westen. Bei Essing in Lowick war eine Brücke, die er überquerte. Dann lief er stundenlang über verschlungene Feldwege über Holtwick und Stenern in Richtung Rhede. Unterwegs kehrte er in eine Gaststätte ein, wo er sich ein paar Bier gegen den Durst trank. Gegen Abend kam er beim Rheder Kaplan Wilhelm Melchers an.

Der Kaplan Melchers hatte schon jahrelang in Rhede gewirkt. Er kannte daher Bernard und ließ ihn in seine Wohnung. Bernard berichtete ihm, was er angestellt hatte. Dem Kaplan verschlug es die Sprache. Dann gab er Bernard den dringenden Rat, sich sofort den Behörden zu stellen.

Scheinbar ziellos verließ Bernard das Haus des Kaplans, um kurze Zeit später vorm Gartentor des Pfarrers Alfers aufzutauchen. Der Pfarrer bat den ihm Fremden Bernard ins Pfarrhaus. Auf seine Frage, was er denn für ihn tun könne, fing Bernard zögerlich an zu erzählen. Als Pfarrer war es Alfers gewohnt, sich geduldig die Sorgen und Nöte der Menschen anzuhören. Was ihm Bernard jedoch anvertraute, machte auch den Kirchenmann fassungslos. Als Pfarrer von St. Gudula war er zwar die höchste moralische Autorität im Dorf, aber hier endeten seine Kompetenzen. Wie bereits Kaplan Melchers konnte Pfarrer Alfers Bernard nur noch den dringenden Rat erteilen, sich umgehend der Polizei zu stellen. Daraufhin verließ Bernard wieder das Pfarrhaus und ging. Wohin, das konnte Pfarrer Alfers nicht erkennen.

Bernard irrte weiter durch die Bauernschaften. In einer Viehhütte zwischen Rhede und Bocholt fand er ein notdürftiges Quartier für die Nacht, wie einst als entlaufenes „Mietkind“. Am Morgen des 4. Juli ging er durch Vardingholt auf Burlo zu. In Burlo traf Bernard gegen 11 Uhr den dortigen Pfarrer Bernard Hams. Pfarrer Hams befand sich gerade auf einen Spaziergang und wieder erzählte Bernard, was sich zugetragen hatte. Zum dritten Mal erhielt er die Antwort, dass er sich stellen solle. Bernard kehrte um und lief wieder auf Vardingholt zu, um kurz darauf erneut die Richtung zu ändern. Jetzt marschierte er bis nach Oeding und überquerte dort die Grenze in die benachbarten Niederlande. Durch die Winterswijker Bauerschaften schwenkte Bernard schließlich wieder auf Rhede zu.

Wieder in Rhede angekommen suchte Bernard den vierten Geistlichen auf. Es war der Vikar Ferdinand Fontaine, der Bernard schon Jahre zuvor attestiert hatte, nicht „ganz richtig im Kopf“ zu sein. Am späten Nachmittag kam Bernard dort an und fand für etwa zwei Stunden Aufnahme. Auch dem Vikar erzählte Bernard, was geschehen war. Der Vikar riet ihm, er solle zu seinen Eltern gehen und sich dann den Behörden stellen. Gegen 20:30 Uhr verließ er wieder das Haus des Vikars. Der Vikar gab ihm noch etwas Pfannkuchen und Brot mit auf dem Weg und steckte ihm einen Rosenkranz zu. Bernard ging – aber nicht zu seinen Eltern, sondern jetzt hielt er auf Bocholt zu.

Der Mob tobte

Es war schon gegen 22 Uhr, als man Bernard auf den Bocholter Straßen wiedererkannte. Widerstandslos konnte er von dem Polizei-Sergeant Horst dingfest gemacht werden. Dennoch war die ganze Stadt aufgewühlt von den unfassbaren Vorgängen und den vielen Gerüchten, die die Runde machten. Als Bernard von der Polizei zum im Norden der Stadt gelegenen Gerichtsgebäude und Gefängnis überführt wurde, entlud sich die Anspannung der Menschen. Ein großer, aufgeregter Mob folgte der Polizei und dem Gefangenen bis auf den Neuplatz vor dem Gericht. Hier schwoll die Menschenmenge noch weiter an.

In dem anschließenden Verhör bekannte sich Bernard unumwunden zu seiner Tat. Man solle nur nicht annehmen, dass er nicht wüsste, was er getan hätte. Er hätte seine Mordgedanken schon mehrere Tage mit sich herumgetragen. In allen Details schilderte Bernard, was sich in den Mittagsstunden des 3. Juli zugetragen hatte. Ausführlich schilderte er, wie er und Bernardina gegen 12 Uhr von der Arbeit nach Hause gekommen waren, sie noch etwas gegessen hatten, dass sich seine Frau dann ins Schlafzimmer begeben hatte und er ihr dann mit dem Brotmesser gefolgt war. Er könne zwar im Nachhinein selbst nicht glauben, auf welch scheußliche Art und Weise er die Tat vollbracht hätte, aber er hätte sehr wohl die Absicht gehabt, weil er seine Frau nicht mehr sehen mochte. Das musste Bernard auch nicht mehr: Am Freitag nach ihrem Tod wurde Bernardina auf dem Bocholter Friedhof begraben.

Ein „Irrer“?

Bernard wurde noch drei Wochen lang im Bocholter Gefängnis festgehalten. Danach folgte seine Überführung nach Münster. Doch anstatt ihn der Justiz auszuliefern, wurde er am 22. Oktober 1888 in die Provinzial Heilanstalt Marienthal in Münster aufgenommen. Dort wurde er von sogenannten Irrenärzten in Obhut genommen. In den darauffolgenden Wochen musste er seine noch junge Lebensgeschichte und seine bestialische Tat den Anstaltsärzten immer wieder aufs Neue erzählen. Nach zahllosen Sitzungen und endlosen Beobachtungen stellten die Ärzte im Dezember 1888 in ihrem Gutachten schließlich Bernards Schuldunfähigkeit fest. Bernard habe sich zur Zeit der Tat in einem Zustand krankhafter Störung der Geistestätigkeit befunden, durch welchen seine freie Willensbestimmung ausgeschlossen gewesen sei. Aufgrund dieses Gutachtens blieb ihm ein Strafprozess erspart.

Die Öffentlichkeit erfuhr monatelang nichts über ihn. Erst im Mai des darauffolgenden Jahres wurde bekannt gegeben, dass in Münster das „Provincial Medicinal Collegium“ in Übereinstimmung mit den Anstaltsärzten Bernard für „irrsinnig“ erklärt hatte. Wenn er sich auch nicht strafrechtlich verantworten musste, so wurde dennoch Bernards Gemeingefährlichkeit festgestellt. Infolgedessen wurde er in eine geschlossene „Irrenanstalt“ eingewiesen.

Abbildung 3: Kann ein „Irrsinniger“ Mörder sein? Die zeitgenössische Presse differenzierte nicht.

Der kleine Sohn Hermann wurde derweilen vom Bernard Becks, dem in der Münsterstraße 33 wohnenden Bruder der getöteten Bernardina Becks, in Obhut genommen. Leider war dem Kind kein langes Leben beschieden. Es starb schon am 13.01.1892 im Alter von nur 3 Jahren.

Die verbleibende Zeit seines Lebens verbrachte Bernard in der Provinzial Heilanstalt. Der Begriff „Heilanstalt“ muss aus heutiger Sicht als Euphemismus angesehen werden, denn tatsächlich handelte es sich bei der Einrichtung eher um eine „Verwahranstalt“. Die Psychiatrie als medizinische Disziplin im modernen Sinne steckte noch in den Anfängen. Wirksame therapeutische Möglichkeiten waren noch weitgehend unbekannt. Eine Heilung war nahezu ausgeschlossen. Vieles spricht dafür, dass der Schatten auf Bernards Seele ihn bis an sein Lebensende begleitete. Der Versuch, nach über 130 Jahren Rückschlüsse auf Art und Ursache seiner Krankheit zu ziehen, bleibt spekulativ. Auch in dieser Hinsicht bleibt Bernard ein Schattenmann.

Abbildung 4: Die Provinzialheilanstalt Marienthal

Bernard lebte noch 18 Jahre. Am 02.11.1910 starb er im Münsteraner Clemens Hospital im Alter von 48 Jahren. Seine Wohnadresse lautete Kinderhauser Straße 65, die Provinzial Heilansstalt Marienthal in Münster Uppenberg. Er erhielt am 05.11.1910 ein christliches Begräbnis von der zuständigen Gemeinde.

© H. Krasenbrink

_______________________

Quellen:

Herforder Zeitung, 6 (16/07/1888) 95

Dortmunder Tageblatt, 2/5 (09/07/1888) 153

Kirchenbuch Rhede St.-Gudula, KB017/Seite 45

Kirchenbuch Bocholt St.-Georg, KB027/Seite 320

Landesarchiv NRW, Abteilung Ostwestfalen-Lippe, P 9 / 10 (Standesamt Stadt Münster), Nr. 424, Seite 578 

Landesarchiv NRW, Abteilung Ostwestfalen-Lippe, P 9 / 3 (Standesamt Stadt Bocholt), Nr. 187, Seite 163

Landesarchiv NRW, Abteilung Ostwestfalen-Lippe, P 9 / 4 (Standesämter Kreis Borken), Nr. 241, Seite 117

Einwohnerbuch des Stadtkreises Bocholt. der Städte Borken und Anholt und der Ämter des Landkreises Borken, Seite 394

Abbildungen:

Abbildung 1: Die Geschichte der Stadt Rhede

Abbildung 2: KI-generierte Illustration

Abbildung 3: Münsterischer Anzeiger, 38 (03/05/1889) 120

Abbildung 4: Stadtmuseum Münster: Provinzialheilanstalt Marienthal


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert