Der Barloer Kötter Joseph Krasenbrink war ein Tyrann. Mit Wut und Willkür drangsalierte er nicht nur seine Mitmenschen, sondern auch die Tiere auf seinem Hof. Bis zu dem Tag, an dem seine Magd Gertrud das alles nicht mehr hinnehmen mochte.
Das Schimpfen und Schreien kam aus der Scheune und war unüberhörbar. Doch das war nicht ungewöhnlich und gehörte auf dem kleinen Hof leider zur Tagesordnung. Diesmal schallte es jedoch lauter als sonst, so dass es die Köttersfrau Maria Honsel bis in die Küche hören konnte. Sie eilte an den Ort des Geschehens, um nach dem Rechten zu schauen.
Im Schweinetrog fand sie wieder einmal eine leere Schnapsflasche, was leider allzu oft vorkam. Aus einer anderen Ecke der Scheune kam ein leises Stöhnen. Maria näherte sich der Stelle und erschrak. In einem Haufen Stroh lag ihr Ehemann, Joseph Krasenbrink. Seine Augen waren zugeschwollen, der Oberkörper übersät mit Hämatomen und der Kopf war blutüberströmt.
Maria konnte kaum Mitleid empfinden. Dann sprach sie aber den Schwerverletzten an und nach einiger Zeit begann er, sich zu regen. Allmählich kehrte etwas Leben in seinen lädierten Körper zurück. Er war aber noch immer völlig betrunken und zu nichts anderem in der Lage, als einige unverständliche Laute von sich zu geben. Nach einiger Zeit schien er sich aber zu erinnern und ihm wurde klar, was passiert war. Dann nahm er all seine Kraft zusammen, stand auf und begab sich auf die Suche nach der Magd des Hofes.

Niedergang eines Trinkers
Joseph Krasenbrink wohnte mit seiner Familie auf dem Kotten Sondermann in Barlo Nr. 58. Das Gehöft lag in unmittelbarer Nähe zum herrschaftlichen Haus Diepenbrock. Sein Vater Johann Krasenbrink stammte von Stuvenborg in Mussum und hatte um die Mitte des 19. Jahrhunderts die Witwe Gesina Göffert geheiratet.
Sein Sohn Joseph hatte den Kotten von ihm geerbt. 1880 heiratete er die aus Stenern stammende Maria Honsel, mit der er zwei Kinder hatte. Außer der vierköpfigen jungen Familie wohnten um 1889 noch zwei weitere Menschen auf dem Kotten. Da war zunächst der 1854 geborene jüngere Bruder Theodor Gerhard Krasenbrink, der noch Junggeselle war.
Joseph Adolf Krasenbrink wurde am 08.05.1851 in Barlo Nr. 58 geboren. Seine Eltern waren die Eheleute Johann Bernhard Krasenbrink (*07.02.1817 +19.01.1889) und Gesina Helena Göffert gnt. Mecking (*15.10.1810 +23.01.1885), die am 04.09.1848 geheiratet hatten.
Er hatte noch zwei Geschwister:
- Adelheid Gertrud *17.10.1849
- Theodor Gerhard *25.05.1854
Joseph Adolf Krasenbrink heiratete am 28.01.1880 die am 04.07.1848 in Stenern Nr. 26 geborene Maria Honsel. Die Eheleute hatten zwei Kinder:
- Joseph *31.12.1880
- Anna Francisca *03.12.1882
Und schließlich lebte und arbeitete noch die Magd Gertrud van Luchtern auf dem Kotten. Die 45-jährige Gertrud galt zwar als etwas einfältig, trug aber ihr Herz am rechten Fleck. Sie wurde am 24.10.1843 in der Bocholter Feldmark Nr. 541 als Kind des Schneiders Heinrich Johann van Luchtern und seiner Frau Elisabeth Görkes geboren. Ihren Vater hatte sie vermutlich nicht gekannt. Er starb bereits am 04.05.1845 im Alter von nur 34 Jahren.
In der Familie und auf dem Hof hätte also eigentlich alles in bester Ordnung sein können – wenn Joseph nicht vollkommen dem Alkohol verfallen wäre. Seine Trunksucht hatte ihn über Jahre vollkommen in die Verwahrlosung getrieben und dafür gesorgt, dass er weder ein guter Vater noch ein guter Bauer war. Im Suff neigte er zu Jähzorn, Gewalt und tyrannisierte regelmäßig seine Familie.
Darüber hinaus bekamen auch immer wieder die Tiere auf seinem Kotten seine unbändige Wut zu spüren. Die ließ er immer wieder in gröbster Manier an sein Arbeitspferd aus. Die Arbeit blieb dabei häufig unerledigt liegen oder musste von den anderen Mitbewohnern des Hofes getan werden, die so doppelt unter Joseph zu leiden hatten. Vor allem für die Magd Gertrud wurden die Zustände immer unerträglicher.
Erst das Pferd, dann der Bauer
Am Nachmittag des 13. Mai 1889 war es wieder einmal so weit. Joseph hatte bereits den ganzen Tag lang an der Schnapsflasche gehangen. So war es kein Wunder, dass er im volltrunkenen Zustand nicht mit seinem Arbeitspferd zurechtkam. Also prügelte er wie so oft auf das Tier ein, diesmal aber härter und unbarmherziger als je zuvor. Schon bald lief dem bedauerlichen Geschöpf das Blut aus klaffenden Wunden den Rücken hinunter. Gertrud konnte dies nicht mehr mit ansehen und flehte den Kötter an, damit aufzuhören. Er ließ aber nicht von seinem Pferd ab. Da fasste die Magd einen Entschluss.
Gegen 16 Uhr kehrte Ruhe ein. Joseph konnte nicht mehr. Völlig betrunken legte er sich in der Scheune ins Stroh und schlief ein. Als Gertrud ihn dort so liegen sah, war die Gelegenheit günstig. Sie nahm sich eine lange Bohnenstange und schlug ihn damit unter heftigen Flüchen mit voller Wucht auf den Kopf. Weil Joseph sich nicht mehr regte schlug sie nochmals und nochmals zu und schimpfte: „Steh auf, du Saufsack, und hilf uns arbeiten!“ Da sich Joseph immer noch nicht bewegte nahm die Magd einen mächtigen Holzklotz und schleuderte ihn Joseph noch einige Male gegen den Kopf. Dann ließ sie endlich von ihn ab und machte sich wieder an ihre Arbeit.
Kein Erbarmen für niemand
Als seine Frau Maria den schwerverletzen Joseph in der Scheune fand, hielt sich ihr Mitgefühl in Grenzen. Zu sehr hatte auch sie unter ihren gewalttätigen Mann gelitten. Als Joseph endlich mehr schlecht als recht auf seinen wackeligen Beinen stand, zeigte er weder Einsicht noch Erbarmen. Maria konnte ihren Mann nicht daran hindern, sich auf die Suche nach Gertrud zu machen. Er fand sie schließlich bei der Arbeit auf dem Feld und entließ sie mit Schimpf und Schande auf der Stelle aus ihren Dienst.
Wieder zurück versorgten weder Maria noch sein Bruder Theodor Josephs Wunden. Gegen 19 Uhr legte sich der schwerverletzte Kötter in sein Bett. Seine neben ihn liegende Frau ahnte nicht, in welchem Zustand er sich befand. Oder ahnte sie es doch?
Während der Nacht verschlimmerte sich Josephs Zustand und schon am nächsten Morgen gegen 9 Uhr erlag er seinen schweren Kopfverletzungen. Noch am gleichen Tag machte sich sein Bruder Theodor auf den Weg nach Bocholt, um dem Standesamt den Tod seines Bruders anzuzeigen. Die Magd Gertrud wurde von der Polizei festgenommen.
Gertrud vor dem Schwurgericht
Am 1. Juli 1889 musste sich Gertrud für ihre Tat vor dem Schwurgericht in Münster verantworten. In der Verhandlung gab sie die Tat unumwunden zu. Sie habe sehr unter der Tyrannei ihres Brotherrn gelitten und hätte großes Mitleid für das misshandelte Pferd empfunden. Daher wollte sie dem Kötter einmal am eigenen Leibe spüren lassen, welche Schmerzen das Pferd habe ertragen müssen. Allerdings beteuerte sie auch, dass sie nicht geahnt hätte, wie schlimm das ganze enden würde. Daher wolle sie die volle Verantwortung für ihre Tat übernehmen.
Ein medizinisches Gutachten ergab, dass Josephs Schädelknochen durch die heftigen Schläge zwar unbeschadet blieben, es hierdurch aber zu Hirnblutungen kam, die dann schließlich zu seinem Tode führten. Die Staatsanwaltschaft plädierte in dem Verfahren für einen Schuldspruch unter Ausschluss mildernder Umstände. Die Verteidigung forderte hingegen ein mildes Urteil, um den besonderen Begleitumständen der Tat Rechnung zu tragen.
Die Geschworenen sprachen Gertrud schließlich der vorsätzlichen Körperverletzung mit Todesfolge für schuldig unter Berücksichtigung mildernder Umstände. Das Gericht verurteilte die Magd schließlich zu einer Gefängnisstrafe von 2 Jahren und 6 Monaten.

Acht Monate nach Josephs Tod, am 15.01.1890, heiratete die Witwe Maria Honsel den jüngeren Bruder Theodor in der St. Helena Kirche in Barlo. Maria lebte noch bis zum 27.01.1910. Theodor überlebte sie noch um 23 Jahre bis zum 24.08.1933.
Gertrud von Luchtern starb am 27.03.1922 im Alter von 77 Jahren im St.-Rochus-Hospital in Telgte, einer Einrichtung für psychisch Beeinträchtigte, an einem Nierenleiden. Sie erhielt am 31.03. ein christliches Begräbnis auf dem Friedhof in Telgte.
© H. Krasenbrink
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Quellen:
Kirchenbuch St.-Clemens Telgte, KB017/Seite 196
Münsterischer Anzeiger 38 (16/05/1889) 132
Münsterischer Anzeiger 38 (02/07/1889) 175
Kölnische Zeitung (04/07/1889) 183
Kirchenbuch St.-Helena Barlo, KB004/Seite 88
Kirchenbuch St.-Helena Barlo, KB003/Seite 55
Kirchenbuch St.-Georg Bocholt, KB017/Seite 239
Kirchenbuch St.-Georg Bocholt, KB019/Seite 158
Kirchenbuch St.-Georg Bocholt, KB018/Seite 141
Kirchenbuch St.-Helena Barlo, KB003/Seite 61
Abbildungen:
Abbildung 1: Ausschnitt Messtischblatt 1897
Abbildung 2: Dülmener Zeitung, 16 (10/07/1889) 55
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