Eigentlich war die 34-jährige Johanna Rümping nur zu bedauern. Schon ihre Kindheit in Nordbrock war ein einziges Trauerspiel. Später war sie in ihrer Einfältigkeit ein leichtes Opfer für Männer, die es nicht gut mit ihr meinten. Bis sie eines Tages ihr Schicksal selbst in die Hand nahm.
Am Dienstag, den 27. April 1897 klopfte es an der Tür des Hofes Ebbert in Nordbrock Nr. 17. Wichtig aussehende Herren in Anzügen stellten sich dem Ackerer Heinrich Rümping als Mitglieder einer Gerichtskommission vor. Ihnen war angezeigt worden, dass auf dem Hof einiges im Argen läge. Die Rechtspfleger verlangten Einlass, um vor Ort den Hinweisen nachzugehen. Auf der Tenne des Hofes machten die Herren dann eine entsetzliche Entdeckung. In einem kleinen Verschlag unter der Hille fanden sie eingesperrt eine völlig verstörte und verwahrloste Frau. Sie war nur mit Lumpen bekleidet und stand bis zu den Knien im eigenen Dreck.

Die Offiziellen mussten erkennen, dass die Frau schon fast zwei Jahre lang in dieser kleinen Butze gefangen gehalten worden war, ohne dass sie ihr Gefängnis auch nur ein einziges Mal verlassen hatte. Ihr Essen erhielt sie durch eine kleine Klappe gereicht. Viel hätte nicht mehr gefehlt, und die Frau wäre in ihren eigenen Exkrementen gestorben. Bei der Ärmsten handelte es sich um Heinrich Rümpings Ehefrau, der 38-jährigen Johanna Tenbensel.
Eine endlose Leidensgeschichte
Johanna Tenbensel stammte von einem Hof in der Anholter Bauerschaft Hahnerfeld. Im Alter von 25 Jahren brachte sie ein uneheliches Kind zur Welt. Kurze Zeit später erkrankte sie so schwer an einer Psychose, dass sie 18 Monate lang in einer sogenannten Irrenanstalt untergebracht wurde. Ihr Leiden war in ihrer Familie leider kein Einzelfall, sondern zwei Ihrer Schwestern waren ebenfalls von psychischen Störungen betroffen.
Die Leute reagierten auf eine Krankheit, die sie nicht verstanden, häufig mit einer Mischung aus Unwissenheit, Verwunderung und Spott: „Dat sitt dor inne Pöste“, pflegten sie zu sagen. Auf dem Heiratsmarkt hatte es Johanna Tenbensel daher gewiss nicht leicht. Welcher Mann ließ sich schon auf eine derartig stigmatisierte Frau ein, an deren Rockzipfel zudem noch ein uneheliches Kind hing?
Aber es kam anders: Möglicherweise hatten sich die besonderen Umstände, die Johanna Tenbensel umgaben, noch nicht bis nach Nordbrock herumgesprochen. Vielleicht half man aber auch in der erweiterten Verwandtschaft dem vermeintlichen Glück auf die Sprünge – Johanna Tenbensel war nämlich Heinrich Rümpings Cousine 3. Grades. Wie auch immer – die beiden heirateten 1888 in der St.-Pankratius-Kirche in Dingden. Zusammen mit ihrem unehelichen Sohn zog die Frau nach Nordbrock zu ihrem Mann auf den Hof Ebbert.
Am 03.05.1889 wurde Johanna Amalia Rümping geboren, das erste gemeinsame Kind der Eheleute. Wie schon bei ihrem ersten Kind wurde Johanna Tenbensel noch im Wochenbett erneut von ihrer psychischen Krankheit eingeholt. Dieses Muster sollte sich bei jeder weiteren Geburt fortsetzen.
Schon ein Jahr später folgte Maria Bernardina. Diesmal wurde die Mutter von ihrem seelischen Leiden derartig schwer heimgesucht, dass sie im August 1890 in eine Heilanstalt in Marsberg eingewiesen wurde. Dort verbrachte sie acht Monate, ehe sie im April 1891 wieder nach Nordbrock zurückkehrte.
Gut neun Monate später gebar Johanna Tenbensel ihren Sohn Johann Josef – und wieder kam das Leiden zurück. Im Jahr 1894 wurde sie schließlich zum fünften Mal schwanger. Ihr Kind wurde diesmal allerdings tot geboren. Es folgte ein totaler psychischer Zusammenbruch, von dem sich Johanna Tenbensel nicht mehr erholen sollte.
Johanna Elisabeth Theodora Tenbensel wurde am 14.02.1860 in Anholt Hahnerfeld geboren. Johann Heinrich Rümping wurde am 18.05.1851 in Nordbrock geboren. Die Eheleute heirateten am 27.06.1888, in St.-Pankratius in Dingden.
Johanna Tenbensel brachte einen unehelichen Sohn mit in ihre Ehe. Mit ihrem Ehemann hatte sie vier gemeinsame Kinder: :
- Bernhard Josef Georg *23.04.1885 +15.11.1914
- Johanna Amalia Rümping *03.05.1889
- Maria Bernardina *26.05.1890
- Johann Josef *17.02.1892
- N.N. *1894 +1894
In den darauf folgenden Wochen und Monaten geriet das Leben der Familie vollkommen aus den Fugen. Die vier Kinder verwahrlosten immer mehr. Hinzu kam noch, dass die Kosten für den monatelangen Krankenhausaufenthalt den Hof noch immer schwer belasteten. Heinrich Rümping war mit dieser Situation offenbar vollkommen überfordert und wusste sich nicht anders zu helfen, als seine eigene Frau einzusperren. In der Abgeschiedenheit der Bauerschaft Nordbrock blieb dieses Elend zwei Jahre lang unentdeckt. Bis zu dem Tag, an dem die Gerichtskommission die Misstände ans Licht brachte. Johanna Tenbensel wurde danach in die Provinzial Heilanstalt Marienthal in Münster eingewiesen.
Eine traumatische Jugend
Nach Johanna Tenbensels Befreiung wurden die Probleme für die Familie aber nicht geringer. Den Kindern fehlte weiterhin die Mutter. Zudem wuchsen Heinrich Rümping die Krankenhauskosten immer mehr über den Kopf.
Für das junge Mädchen Johanna und ihre Geschwister müssen diese Erfahrungen traumatisch gewesen sein. Jahrelang wurde die Familie über den Zustand der kranken Mutter im Unklaren gelassen. Im Jahr 1903 empfing Johanna im Alter von 14 Jahren die Sakramente der Kirche. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Familie noch die Hoffnung, dass ihre Mutter zurückkehren würde, um der Erstkommunion beizuwohnen. Diese Hoffnung bewahrheitete sich jedoch nicht und so wurde Johanna aus der Schule entlassen, ohne Aussicht auf Besserung und auf ein Wiedersehen.
Bis etwa 1905 war der Hof in Nordbrock so weit abgewirtschaftet, dass er verkauft werden musste. Heinrich Rümping zog nach Bocholt, wo er sich fortan als Fuhrmann und Tagelöhner verdingte. Johanna war inzwischen eine heranwachsende Frau und musste sich mehr schlecht als recht mit ihrer eigenen Hände Arbeit durchs Leben schlagen. Erschwerend hinzu kam noch, dass sie durch ihre Einfältigkeit und Schlichtheit keinen leichten Stand hatte. Schon bald war sie schutzlos Männern mit üblen Absichten ausgeliefert. Eine Affäre mit dem Abkömmling eines Gutsbesitzers bescherte ihr schon früh ein Kind, ohne jedoch, dass sich der Vater dazu bekannte.
So schlug sich Johanna durch die schweren Kriegsjahre. Am 05.05.1818 starb ihre unglückliche Mutter Johanna Tenbensel in Münster. Über 20 Jahre ihres beklagenswerten Daseins hatte sie in der sogenannten Heilanstalt verbrachte. Ob die inzwischen 29-jährige Johanna ihre Mutter je wiedersah, ist nicht bekannt. Weitere zwei Jahre später, am 18.03.1920, starb auch ihr Vater Heinrich Rümping. Er wohnte zuletzt in der Eintrachtstraße 89 in Bocholt.
Auf der Suche nach Glück
Einige Zeit nach dem Tod ihres Vaters wurde Johanna Rümping in Bocholt auf eine Stellenanzeige aufmerksam. Der Bocholter Wilhelm Schmeink suchte eine Haushälterin für sich und seine beiden kleinen Kinder. Seit März 1920 war der Bahnarbeiter Witwer. Er wohnte am Stenerner Weg 57, nahe der Stelle, wo einige Jahre später die Wattefabrik von Johann Borgers entstehen sollte.
Wilhelm Schmeink stammte vom Hof Nehling in Biemenhorst Nr. 5. Das Hoferbe stand seinem älteren Bruder Gerhard zu. Daher musste er sich anderweitig um eine Existenz bemühen. Er fand sie bei der Eisenbahn in Bocholt und war dort als Hilfsladeschaffner beschäftigt. Seine Frau war die Niederländerin Wilhelmine de Haas aus Nijmegen, die er 1910 heiratete. Seit ihrem Tod war er aber allein mit seinen Kindern.
Johanna meldete sich auf diese Stellenanzeige. Als Haushälterin waren zwar keine großen Sprünge möglich, aber für ihr tägliches Brot und ein Dach über den Kopf sollte es reichen. Und wer weiß – vielleicht ergaben sich ja auch noch andere Möglichkeiten. Also wurde Johanna vorstellig und zog schon kurze Zeit später bei Wilhelm Schmeink ein.
Wilhelm Schmeink wurde am 01.07.1883 in Biemenhorst geboren. Seine Eltern waren der Bauer Wilhelm Schmeink sen. und Catharina Tepasse. Wilhelm Schmeink hatte noch drei weitere Geschwister:
- Gerhard Johann Schmeink *1881
- Gerhard Schmeink *1888
- Joseph Schmeink *1885
Am 08.06.1910 heiratete Wilhelm Schmeink die aus Nijmegen stammende Wilhelme Cornelia de Haas (*06.04.1886 +07.03.1920). Die Eheleute hatten zwei Kinder.
- Werner Joseph Wilhelm *1914 +10.03.1917
- N. N. *unbekannt
Wilhelm Schmeink fand Gefallen an Johanna. Es sollte daher nicht lange dauern, bis er ihr einen Heiratsantrag machte. Am 19.05.1923 kam es so in der Bocholter Liebfrauenkirche zur Eheschließung. Nach all dem Elend, das Johanna in ihrem bisherigen Leben widerfahren war, wähnte sie sich endlich im Glück.

Auf die Hochzeit folgte die Ernüchterung. Wilhelm Schmeink zeigte sein wahres Gesicht und schon nach wenigen Wochen wurde die Ehe für Johanna zum Martyrium. Ihr Mann erwies sich als grob, streitsüchtig, geizig und übergriffig. Und weil Johanna nun wirklich nicht die Hellste war, war sie seinen Launen wehrlos ausgeliefert. In ihrer Not vertraute sie sich ihrer jüngeren Schwester Maria an. Sie erwog, sich von ihrem Mann zu trennen, wovon ihre Schwester ihr wiederum abriet. Dieses Dilemma trieb Johanna immer mehr zur Verzweifelung.
Ein tragischer Unfall?
Am Morgen des 18.10.1923 fand Johanna Ihren Mann leblos in seinem Schlafzimmer auf. Der strenge Geruch von Leuchtgas erfüllte das ganze Zimmer. Alle Bemühungen, Wilhelm Schmeink wiederzubeleben, blieben erfolglos. Für den Vergifteten kam jede Hilfe zu spät. Sofort war erkennbar, dass das Gas mit einem Schlauch vom Herd durch das Schlüsselloch der Tür in das Zimmer geleitet wurde. Eine Bocholter Gerichtskommission nahm sofort ihre Ermittlungen auf. Ihr fiel auf, dass die Stalltür des Hauses sperrangelweit offenstand. Sollte ein Täter etwa hierdurch geflüchetet sein? Wilhelm Schmeinks Fahrrad fehlte ebenfalls.
Kurze Zeit später fand die Polizei das Fahrrad in einem nahegelegenen Feld. Die Polizei setzte einen Spürhund auf die Spur an. Der Hund kehrte jedoch immer wieder zu dem kleinen Haus am Stenerner Weg 57 zurück. Sofort verbreitete sich das Gerücht über einen Gasmord in ganz Bocholt. Oder war es doch Selbstmord?
Die Ermittlungen führten zunächst zu keinem schlüssigen Ergebnis. Deshalb nahm man an, dass Wilhelm Schmeink aus eigenem Entschluss aus dem Leben geschieden war. Am 22.10. wurde der Tote beerdigt. Der Pfarrer der Liebfrauenkirche schien sich jedoch noch nicht vollkommen sicher zu sein, welche Umstände Wilhelm Schmeink ins Jenseits befördert hatten. Er notierte im Kirchenbuch lapidar: „Wurde böswilligerweise vergiftet durch Gas“.
Auch die Polizei war noch nicht bereit, die Angelegenheit zu den Akten zu legen. Im Stillen fanden die Untersuchungen ihre Fortsetzung. Dabei geriet Johanna selbst mehr und mehr ins Visier der Ermittler. Weil sie schwanger war und noch einen Sohn gebar, zogen sich die Ermittlungen noch hin bis zum 19.02.1924. An diesem Tag gestand Johanna Rümping ihrem Vormund gegenüber ein, dass sie allein ihren Mann getötet hatte, was ihre sofortige Verhaftung zur Folge hatte.
Johanna „bekommt Strafe“
Es sollte noch bis zum 17.09.1924 dauern, bis es vor dem Schwurgericht Münster zum Strafprozess gegen Johanna kam. Wie ein Häufchen Elend saß sie nun da und schilderte unter Tränen die Umstände ihrer Tat. Ihren Mann beschrieb sie als einen brutalen und jähzornigen Menschen, der ihr häufig damit gedroht hätte, sie zum Krüppel zu schlagen. Mit ihn hätte sie es nicht lange ausgehalten und daher hätte sie den Entschluss gefasst, ihn zu beseitigen. Einen ersten Tötungsversuch unternahm sie bereits drei Wochen vor dem Mord, der jedoch noch scheiterte.
Insgesamt gab Johann in dem Prozess das beklagenswerte Bild einer geistig und psychisch stark eingeschränkten Person ab. Ihre Hauptsorge war, dass ihre Ausführungen „in die Zeitung kämen“ und dass sie „Strafe bekommt“. Ihr geistiger Zustand, ihre schwere Jugend und die üble Behandlung durch ihren Mann ließen auch das Gericht nicht unbeeindruckt. Johanna Rümping wurde zwar wegen Mordes an ihrem Ehemann zum Tode verurteilt, das Gericht reichte allerdings gleichzeitig ein Gnadengesuch aufgrund der tragischen Begleitumstände ihrer Tat ein.
Dem Gnadengesuch wurde auch entsprochen und Johanna wurde noch fast 70 Jahre alt. Ihre letzten Jahre lebte sie in Maria-Veen bei Reken. Dort starb sie am 18.12.1958.
© H. Krasenbrink
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Quellen:
Volkswille Münster 6 (19/09/1924) 220
Westfälischer Merkur 103 (18/09/1924) 329
Der Erftbote 35 (20/09/1924) 111
Westfälisches Volksblatt (20/09/1924) 221
Münsterische Zeitung 54 (18/09/1924) 224
Volkswille Münster 6 (24/02/1924) 47
Ahauser Kreiszeitung 44 (24/02/1924) 54
Kirchenbuch Bocholt St.-Georg/KB026/Seite 233
Kirchenbuch Anholt St.-Pankratius, KB018/Seite 48
Kirchenbuch Anholt St.-Pankratius, KB015/Seite 8
Kirchenbuch Dingden St.-Pankratius, KB010/Seite 11
Kirchenbuch Bocholt Liebfrauen, KB006/Seite 34
Kirchenbuch Dingden St-.Pankratius, KB007/Seite 117
Kirchenbuch Bocholt Liebfrauen, KB007/Seite 223
Kirchenbuch Bocholt Liebfrauen, KB007/Seite 281
Abbildungen:
Abbildung 1: Messtischblatt 1895
Abbildung 2: Messtischblatt 1895
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