Um 1900 waren Hochzeiten erstrangige gesellschaftliche Ereignisse, zu denen oft die ganze Bauernschaft eingeladen war. Weil dabei immer reichlich Alkohol floß, liefen die Festlichkeiten zuweilen aus dem Ruder oder arteten regelrecht aus. Auf dem Hof Wissing in Hemden kam es so erst zu einem Eklat, dann zu Handgreiflichkeiten und schließlich zur Tragödie.
Der Volksmund sagt, man solle die Feste feiern, so wie sie fallen. Bei der Hochzeit des Bernhard Anton Schroer aus Stenern und der Gertrud Benning auf dem Hof Wissing in Hemden Nr. 6 wurde jedoch eine Ausnahme gemacht. Gertrud Bennings erster Ehemann, Bernhard Tenhonsel, war im Januar 1897 verstorben. Weil sie plötzlich allein mit Ihren vier Kindern und dem Hof dastand, war eine rasche Wiederheirat opportun. Daher heiratete sie noch vor Jahresfrist, am 10.11.1897, ihren zweiten Ehemann. Für die Feier der Hochzeit war der Zeitpunkt jedoch unpassend. Einerseits war das Trauerjahr noch nicht verstrichen. Andererseits war der Spätherbst eine äußerst ungünstige Zeit für ein standesgemäßes Fest. Der Volksmund sagt aber auch: Aufgeschoben ist nicht aufgehoben.
Bauernhochzeit auf Wissing in Hemden
Im Wonnemonat Mai des folgenden Jahres war die Zeit gekommen. Die Felder waren bestellt, das Vieh auf der Weide, die Scheune war leer, es konnte endlich gefeiert werden. Am 04.05.1898 hatte sich die ganze Festgesellschaft auf dem Hof Wissing versammelt, um dort die Hochzeit nachzuholen. Die Brautleute hatten sich nicht lumpen lassen und es waren nicht nur die nächsten Verwandten und Nachbarn anwesend, sondern auch zahlreiche Gäste aus der erweiterten Hemdener Nachbarschaft. Die Familie Pottebohm vom Nachbarshof Völting war selbstverständlich dabei. Dazu gehörten unter anderem die Brüder Heinrich, Anton und Gerhard.
Die Familie Pottebohm bewohnte den Hof Völting in Hemden Nr. 11. Die Eltern waren der Bauer Johann Hermann Pottebohm (*1841 +01.11.1898) und seine Ehefrau Johanna van Oepen (*1847 +1916). Die Eheleute hatten neun Kinder:
- Johann Heinrich *15.05.1872
- Johanna Maria Adelheid *31.08.1873
- Johann Heinrich *09.07.1875
- Anton Bernhard *23.06.1877
- Gerhard Hermann *14.04.1879
- Johanna Elisabeth *17.08.1881
- Wilhelm Josef *29.10.1883 +02.03.1894
- Heinrich Josef *13.05.1887
- Gertrud Henrica *1889

Auch die große Familie des Stellmachers Wilhelm Wenning aus der Bocholter Feldmark war auf der Hochzeit zugegen. Die Wennings wohnten am Anfang der Kurfürstenstraße, etwa an der Stelle, wo Hulvershorn seine erste Eisengießerei errichtet hatte. Ihre Stellmacherei befand sich jedoch an der Aaltener Chaussee in Hemden, weshalb sie auf dem Fest nicht fehlen durften. Von den Wennings waren unter anderem die Geschwister Joseph, Heinrich, Elisabeth und Johanna vertreten. Johanna wurde begleitet von ihrem Verlobten, dem Riethmacher Hermann Pesenacker aus Ottenstein.
Die Familie Wenning wohnte an der Kurfürstenstraße in der Bocholter Feldmark unter der Hausnummer 707. Die Eltern waren der Stellmacher Anton Wilhelm Wenning (*1847 +1902) und seine Ehefrau Wilhelmina Wevers (*1851 +1922). Die Eheleute hatten ebenfalls neun Kinder:
- Johanna Elisabeth *20.12.1875
- Joseph Johann *03.02.1877
- Friederica *1878 +1890
- Heinrich *20.01.1880
- Elisabeth Johanna *03.01.1882
- Albert Hermann Johann *1884
- Bernhard Maria *17.08.1886
- Hermann Cornelius Julius *1888
- Franziska Ottilia *1890
Die Stimmung kippte
Das Fest verlief zunächst heiter und unbeschwert. Mit fortschreitender Dauer und steigenden Alholholpegeln wurde die Stimmung jedoch immer ausgelassener. Es wurden Dönekes zum Besten gegeben, die manchmal auch die Grenzen des guten Geschmacks überschritten. Vor allem die jungen Burschen neigten dazu, sich im Zotenreißen gegenseitig zu überbieten. So konnte es auch Heinrich Pottebohm immer wieder übertreiben und hatte sich diesmal auf die Schwestern der Wennings eingeschossen. Mit einem beleidigenden Spruch auf Kosten der Elisabeth Wenning hatte er den Bogen schließlich überspannt. Daraufhin schritten ihre Brüder ein und wiesen Heinrich Pottebohm deutlich zurecht. Das fasste dieser wiederum als Beleidigung auf worauf er begann, den Wennings zu drohen.
Nach Einbruch der Dunkelheit war die Angelegenheit schon fast vergessen. Heinrich Wenning wollte sich gerade auf den Heimweg machen, als er Gerhard und Heinrich Pottebohm in die Quere kam. Die beiden Brüder hatten ihn abgepasst, weil sie mit ihm noch eine offene Rechnung zu begleichen hatten. Die Pottebohms stellten ihn, warfen ihn zu Boden und prügelten auf ihn ein. Als Josef Wenning bemerkte, was da vor sich ging, schritt er ein. Es gelang ihm, die Prügelnden voneinander zu trennen und verpasste Gerhard Pottebohm schließlich ein paar deftige Ohrfeigen. Das war zuviel. Gerhard Pottebohm zog sein Messer aus der Tasche und drohte den Wennings damit.

Die Wennings gaben Fersengeld
Die Wennings machten das einzig Richtige. Sie suchten das Weite, um weiteren Ärger aus dem Wege zu gehen. Auf der Aaltener Chaussee liefen sie in die Dunkelheit in Richtung Bocholt. Kurz hinter ihnen folgten ihnen ihre Schwester Johanna mit ihrem Verlobten. Aber die Brüder Pottebohm ließen nicht von ihnen ab. Sie verfolgten die Wennings weiter auf der Aaltener Chaussee und holten Johanna und ihren Verlobten Pesenack schon nach 20 Metern ein.
Zuvor hatte Gerhard Pottebohm noch schnell einen armdicken Knüppel aufgenommen, mit dem er auf Pesenack losging. Pesenack konnte den Schlag abfangen und versuchte Gerhard Pottebohm damit zu beschwichtigen, dass er ihm ja nichts getan hätte. Daraufhin ließ Gerhard Pottebohm von ihm ab und wandt sich in der Dunkelheit einer anderen Person zu. Es kam zu einem Handgemenge, dann zu einem Kampf und schließlich war nur noch ein dumpfer Schlag zu vernehmen. Dann wurde es still.
Inzwischen war mit Anton Pottebohm auch der dritte Bruder dazugekommen. Gerhard und Anton realisierten jetzt, dass ihr Bruder Heinrich am Boden lag. Er hatte einen wuchtigen Schlag mit dem Knüppel auf seinen Schädel erhalten und war lautlos zusammengesunken. Allmählich wurde Ihnen klar, wie schwer es den Bruder erwischt hatte. Sie brachten ihn nach Hause und versorgten ihn.
Die Hilfe war aber vergebens. Heinrich Pottebohm hatte schwerste Schädelverletzungen davongetragen, die sich in den darauffolgenden Tagen zu einer Hirnhautentzündung entwickelten. Am 08.05.1898 verstarb er schließlich, „ohne Empfang der heiligen Sakramente infolge einer Schlägerei“, wie der Pastor im Kirchenbuch vermerkte.
Wer erschlug Heinrich Pottebohm?
Die örtliche Polizei nahm ihre Ermittlungen auf und verhaftete die beiden Wenning Brüder und ihren Schwager in spe. Bei ihren Vernehmungen konnte keiner der drei Männer als Täter ermittelt werden. Stattdessen zeichnete sich immer mehr die eigentliche Tragik des Geschehens ab. Zwei Tage nach ihrer Verhaftung wurden die drei wieder auf freien Fuß gesetzt. Stattdessen wurde Gerhard Pottebohm in Untersuchungshaft genommen. Kurz darauf wurde zur Gewissheit, dass er es war, der mit dem Knüppel in der Dunkelheit seinen eigenen Bruder erschlagen hatte.
Am 06.07.1898 kam der Fall vor dem Münsteraner Schwurgericht zur Verhandlung. Während Anton Pottebohm als Unbeteiligter keine Mitschuld an dem Tod seines Bruders nachgewiesen werden konnte, wurde Gerhard Pottebohm der vorsätzlichen Körperverletzung mit Todesfolge für schuldig befunden. Er wurde infolgedessen zu einer Gefängnisstrafe von zwei Jahren und zehn Monaten verurteilt.
Nach der juristischen Aufarbeitung der denkwürdigen Hochzeit vom 04.05.1898 ließen die nächsten Hochzeiten nicht lange auf sich warten. Am 01.10.1898 heirateten Johann Hermann Pesenack und Johanna Wenning in der Bocholter St.-Georgs-Kirche. Elisabeth Wenning heiratete in St. Georg am 16.02.1901 Johann Heinrich Schülingkamp. Josef Wenning heiratete am 07.02.1903 in St. Josef in Bocholt Adelheid Dicks.
In der Familie Pottebohm dauerte es noch ein paar Jahre, bis es wieder einen Grund zum feiern gab. Am 14.10.1905 war es Gerhard Pottebohm selbst, der heiratete, und zwar Anna Maria Göring. Das Paar wohnte in der Unteren Blumenstraße 29 in der Bocholter Feldmark und hatte drei Kinder. Arbeit fand Pottebohm er in der Putzwollfabrik Messing am Westend. Es sollte allerdings keine vier Jahre dauern, bis das Schicksal erneut zuschlug. Am 02.06.1909 hatte er in der Fabrikhalle Arbeiten an der Transmission zu verrichten. Dabei stürzte er in die Tiefe, schlug mit dem Kopf auf eine Maschine auf und starb noch an Ort und Stelle im Alter von nur 30 Jahren. Am 05.06.1909 wurde er auf dem Bocholter Friedhof begraben.

© H. Krasenbrink
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Quellen:
Münsterischer Anzeiger 47 (26/01/1898) 23
Münsterischer Anzeiger 47 (15/05/1898) 129
Münsterischer Anzeiger 47 (06/07/1898) 177
Münsterischer Anzeiger 58 (04/06/1909) 363
Kirchenbuch Bocholt St.- Georg, KB031/Seite 181
Kirchenbuch Bocholt Liebfrauen, KB007/Seite 8
Abbildungen:
Abbildung 1: Messtischblatt 1895
Abbildung 2: KI-generierte Illustration
Abbildung 3: Westfälisches Volksblatt, 61 (05/06/1909) 150
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