Zu Beginn des 20. Jahrhunderts steckte die moderne Psychiatrie noch in ihren Anfängen. Die wirksame Behandlung seelischer Leiden war allerdings noch weitgehend unbekannt. Betroffene und ihre Angehörigen waren nicht nur überfordert, sondern zudem noch Diffamierung und Ausgrenzung ausgesetzt. Dann half nur noch Beten – manchmal aber auch nicht.
Seit August 1905 war Georg Bücker schon Pfarrer im Kirchspiel Gescher. Noch vor den Lehrern, Ärzten und dem Bürgermeister war er kraft seines Amtes in der Glockenstadt die höchste Instanz in moralischen Fragen. Aber auch in vielen anderen Bereichen wurde er als Seelsorger um Rat gefragt. So war er neben seiner geistlichen Tätigkeit auch der erste Sozialarbeiter in Gescher und den umliegenden Bauerschaften. Daher wurde er auch von der Familie Upgang, gnt. Dunker aus der Bauerschaft Büren um Unterstützung gebeten.
An wen sonst hätte sich die besorgte Witwe Elisabeth Dunker auch wenden sollen, um ihrem Sohn Gerhard Upgang mit seinem Leiden zu helfen? Die Psychotherapie als medizinische Disziplin steckte noch in den Kinderschuhen und das Verständnis der Mitmenschen war kaum vorhanden für eine seltsame und unerklärliche Krankheit.
Die Witwe Dunker hatte es nicht leicht
Der Hof Dunker in Büren Nr. 5 lag etwa 30 Minuten vom Dorf entfernt, und nur ein Steinwurf vom nächsten Nachbarn, dem Hof Assing, Büren Nr. 6. Am 04.03.1853 wurde auf dem Hof Anna Maria Elisabeth Dunker geboren. Sie war das einzige Kind von Bernhard Anton Dunker und Maria Catharina Lammerding. Am 30.01.1877 heiratete sie in St. Pankratius in Gescher den aus Estern stammenden, Johann Theodor Ignatz Upgang, gnt. Heming. Bis 1890 bekamen die Eheleute fünf Söhne, wovon der älteste, Bernhard schon am 10.11.1877 geboren wurde. Gerhard war der Zweitgeborene und kam am 06.01.1882 zur Welt.

Leider blieb die Familie nicht von Schicksalsschlägen verschont. 1907 starb Josef, der jüngste der fünf Brüder, im Alter von nur 16 Jahren. Wenige Jahre später, am 01.02.1911, starb der Vater mit 61 Jahren. Anfang 1913 lebten auf dem Hof Dunker außer der Witwe Elisabeth Dunker nur noch die beiden ältesten Söhne Bernard und Gerhard. Außerdem wohnten und arbeiteten noch zwei Mägde auf dem Hof. Eine von ihnen war die 23jährige Maria Brockherde aus der Stadtlohner Bauerschaft Almsick.
Der Pfarrer sollte es richten
Die Arbeit auf dem Hof bekam die Familie einigermaßen bewältigt. Kummer bereitete der Witwe Dunker jedoch der Geistes- und Gemütszustand ihres Sohnes Gerhard. Schon seit einiger Zeit überkamen ihn Phasen, in denen er nicht mehr wusste, wer er war und was er tat. Auch am Freitag, den 21.02.1913, war Gerhard mal wieder von einer seltsamen inneren Unruhe getrieben, die ihn selbst verstörte und seine Mitmenschen ratlos werden ließ.
Gerhard begab sich am Nachmittag ins Bett, weil er sich unwohl fühlte. Die Witwe Dunker schickte in ihrer Sorge nach dem Pfarrer Bücker. Vielleicht kann ihrem Sohn geistlicher Beistand helfen. Der Pfarrer begab sich sodann auch in das Dunker’sche Haus und tat sein Möglichstes, um den aufgewühlten Gerhard zu beruhigen. Und tatsächlich schien es so, als ob sich seine seelischen Wogen wieder ein wenig glätteten. Also verabschiedete sich Pfarrer Bücker wieder und kehrte zurück nach Gescher.
Dann kam es zur Tragödie
Lange hielt die Ruhe jedoch nicht an. Gegen 18 Uhr stand Gerhard plötzlich auf. Er zog sich seinen Sonntagsanzug an und machte sich bereit, auszugehen. In der Küche traf er seine Mutter an, die dort ihren Verrichtungen nachging. Als sie ihn auf sein sonderbares Verhalten ansprach, sagt Gerhard nur, dass er nach Gescher gehen wolle, um den Pfarrer und den Kaplan zu ermorden. Er wolle dafür sorgen, dass die beiden morgen keinen Dienst machen könnten.
Daraufhin versuchte Elisabeth Dunker, Gerhard von seinem Vorhaben abzubringen. Als alle Worte versagten und den offenbar verwirrten Sohn nicht aufhalten konnten, blieb der Mutter nichts anderes übrig, als ihren Sohn handgreiflich daran zu hindern, das Haus zu verlassen. Die Situation eskalierte immer weiter und es kam zu einem verzweifelten und ungleichen Ringkampf. Plötzlich ergriff Gerhard den eisernen Püster, der neben dem Ofen stand, und schlug mit diesen mehrmals auf den Schädel seiner Mutter ein. Die arme Frau sank sofort zu Boden.
Maria Brockherde, die Magd des Hauses, war Zeugin dieser Auseinandersetzung. Von panischer Angst gepackt ergriff die junge Frau sofort die Flucht. Sie lief um ihr Leben in Richtung des Nachbarn Assing. Gerhard – vollkommen vom Teufel besessen – nahm die Verfolgung auf. Kurz vor Assings Haus holte er sie ein. Es kam erneut zu einem Kampf, den die Magd nur verlieren konnte. Mit dem gleichen Ofenpüster, mit dem er seine Mutter niedergeschlagen hatte, schlug er auch auf die junge Frau ein. Diese wehrte sich verzweifelt und um Hilfe schreiend. Einige wenige Schläge genügten jedoch, um ihr den Schädel zu zertrümmern. Die Frau war sofort tot.
Auch die andere Magd aus dem Dunker’schen Haus flüchtete zu Assing. Ihr gelang es, sich in den Keller zu retten und dem Wahnsinn zu entkommen. Gerhard versuchte auch ihr nachzustellen. Er drang in Assings Haus ein und traf vor dem Herdfeuer in der Küche stehend den 41jährigen unverheirateten Onkel Bernhard Anton Assing. Wieder holte Dunker mit dem Eisenpüster aus und streckte Bernhard Assing mit wenigen Schlägen nieder. Auch er starb an Ort und Stelle an schwersten Schädelverletzungen.
Danach machte Gerhard Kert und ging zurück nach Hause. Dort traf er auf seinen älteren Bruder Bernhard, der sich gerade um die schwerverletzte Mutter kümmerte. Es kam zu einem heftigen Kampf zwischen dem Wahnsinnigen und seinem Bruder, der ihn Einhalt gebieten wollte. Die nicht enden wollende Auseinandersetzung zog sich lange hin. Erst nach 30 Minuten griff ein herbeigerufener Gendarm ein und der rasende Gerhard konnte endlich fixiert werden.
Ein Drama unvorstellbaren Ausmaßes
Erst jetzt wurde das ganze Ausmaß der Gewalt offenbar. Für Maria Brockherde und für Bernhard Assing brachte das Grauen das sofortige Ende. Die übrigen Bewohner der beiden Höfe verfielen in Schockzustand, unter die sie noch lange leiden sollten. Die Bäuerin auf dem Hof Assing, Schwägerin des getöteten Bernhard Assing, die selbst erst vor wenigen Monaten Witwe geworden war, nahm sich ihre kleinen Kinder, und flüchtete bis auf weiteres in ihr Elternhaus nach Estern.
Die Witwe Dunker wurde noch ins Krankenhaus nach Gescherr gebracht und dort versorgt. Die Ärzte konnten ihr aber nicht mehr helfen. Helfen konnte nur noch der Pfarrer Bücker im Rahmen seiner Möglichkeiten, der der Witwe die Sterbesakramente spendete. Elisabeth Dunker verstarb am Nachmittag des 22.02.1913.
Gerhard war schuldunfähig
Gerhard wurde von den Beamten sofort in eine Arrestzelle gesperrt, wo er über Nacht blieb. Aber auch dort begann der Wahnsinnige am nächsten Tag erneut zu toben. Ein Aufseher hatte ihm zum Essen ein wenig die Fesseln gelöst. Diese Gelegenheit nutze Gerhard aus, um den Beamten anzugreifen.
Im späteren Verlauf des 22.02. brachte man ihn schließlich unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen in die Provinzialheilanstalt nach Münster. Schon am Tag der Aufnahme wurde bei Gerhard eine sogenannte Einfache Seelenstörung diagnostiziert, der damaligen Bezeichnung für eine Schizophrenie.
Am Dienstag, den 25.02.1913 war es wiederum Aufgabe des Pfarrers Bücker, für Elisabeth Dunker und Bernhard Assing die Seelenmesse zu lesen. Maria Brockherde hingegen wurde nach Stadtlohn überführt und dort in ihrer Heimatgemeinde beigesetzt.

Ein längeres juristisches Nachspiel blieb Gerhard und allen anderen Beteiligten erspart. Mit der Diagnose „Einfache Seelenstörung“ war er schuldunfähig und verbrachte die wenigen Jahre, die ihn noch blieben, in geschlossenen Anstalten. Am 03.02.1917 wurde Gerhard von Münster nach Eickelborn bei Lippstadt verlegt. Hier war auch die Endstation seines Lebens, wo er schon am 28.03.1919 starb.
Sein älterer Bruder Bernhard Upgang heiratete am 21.05.1917 die aus Roxel stammende Elisabeth Berning. Er wohnte und arbeitet sein ganzes Leben auf dem Hof Dunker und starb dort am 11.04.1964.
Der Pfarrer Georg Bücker wirkte noch lange Jahre in Gescher. Als Kreisdekan übernahm er später auch über Gescher hinaus seelsorgerische Verantwortung. Er starb am 25.01.1934 im Alter von 74 Jahren.
© H. Krasenbrink
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Quellen:
Münsterischer Anzeiger, 62 (23/02/1913) 141
Hattinger Zeitung, 6 (24/02/1913) 46
Ahauser Kreiszeitung, 33 (24/02/1913) 23
Münsterische Zeitung, 43 (24/02/1913) 54
Rheinischer Merkur, 36 (24/02/1913) 44
Kirchenbuch Gescher, St.-Pankratius, KB 013/ Seite 302
Kirchenbuch Gescher, St.-Pankratius, KB 018/Seite 153
Abbildungen:
Abbildung 1: Meschtischblatt 1897
Abbildung 2: Kirchenbuch Gescher, St.-Pankratius, KB 018/Seite 153
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