Im Bocholter Westen herrschte seit einigen Jahren ein Dreiklang aus Arbeiten, Wohnen und Vergnügen. Anfang des Jahres 1899 hatte die neue Textilfabrik Rothe Erde ihren Betrieb aufgenommen und rund herum entstand ein neue Arbeiterkolonie. Die Gastronomie hatte den Bocholter Westen schon 30 Jahre zuvor für sich entdeckt. Aber wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten.
Katharina Elisabeth Paß war gerade auf dem Weg in den Keller ihres Hauses in der Bocholter Königstraße, als man ihr die Nachricht überbrachte. In der Nähe der neuerrichteten Spinnerei Rothe Erde waren kurz zuvor schreckliche Dinge passiert, in die ihr Sohn Karl verwickelt war. Ein Schreck durchfuhr die schwachen Glieder der 46-Jährigen. Sie verlor ihren Halt und stürzte Kopfüber die Kellertreppe hinunter. Damit wurde der 14. Mai 1899 für die Familie Paß endgültig zum Schicksalstag. Dabei hatte dieser Sonntag als wunderbarer Frühlingstag begonnen.
Arbeitsmigranten strömten in die Textilstadt Bocholt
Franz Oehmen war nicht nur ein geschäftstüchtiger Wirt, sondern er investierte auch in Arbeiterwohnungen, die in der unmittelbaren Nähe seines neuen Gasthauses „Kaisergarten“ lagen. Dieses Investment erwies sich als lukrativ, weil sich die westliche Bocholter Feldmark gerade rasant veränderte. Beginnend mit der Grundsteinlegung war nicht nur in kürzester Zeit die moderne Textilfabrik Spinnerei Rothe Erde aus dem Boden gestampft worden, sondern rund herum entstanden auch einige neue Straßenzüge.

Zur Inbetriebnahme der Rothen Erde wurden gezielt Fachkräfte aus anderen Hochburgen der Textilindustrie angeworben. Infolgedessen zog die neue Fabrik hunderte Arbeiter aus allen Himmelsrichtungen nach Bocholt. Einer von ihnen war der Arbeiter Bernhard Röhring aus Vreden.
In einem der Oehmen’schen Häuser, das mit der Nr. 526², hatte Röhring 1899 mit seiner Familie eine Wohnung bezogen. Er wurde am 29.11.1867 als Sohn des Vredener Totengräbers Anton Röhring und dessen Frau Anna Maria van der Beck geboren. Seine Frau war die 13 Jahre ältere Henrica Johanna Klembog aus dem niederländischen Dorf Rietmolen.
In erster Ehe war Beck schon mit Bernhards älterem Bruder Anton jun. verheiratet gewesen. Aus dieser Ehe stammte auch die Tochter Anna Maria Gertrud Röhring, die am 25.08.1882 in Vreden geboren wurde. Ihr leiblicher Vater starb jedoch schon am 21.10.1888 und deshalb nahm sein jüngerer Bruder Bernhard am 10.01.1893 in Vreden seine verwitwete Schwägerin zur Frau und die nur 15 Jahre jüngere Nichte Anna als seine Stieftochter an.
Ein weiterer Neu-Bocholter war der am 01.01.1877 in Südlohn geborene Karl Paß. Er war der uneheliche Sohn von Katharina Elisabeth Paß. Sein leiblicher Vater hatte sich offenbar nie zu seinem Sohn bekannt oder er wurde verschwiegen, also schwierige Voraussetzung für Karls Start ins Leben.
Die alleinstehende Mutter fand jedoch in den Borkener Schumachermeister Bernhard Naßmacher einen Ehemann. Die beiden heirateten am 08.05.1884 in St.-Georg in Bocholt und der 7jährige Knabe Karl bekam einen Stiefvater. Die Familie sollte aber noch größer werden, denn es kamen noch vier gemeinsame Kinder hinzu, zwei Jungen und zwei Mädchen, die alle zwischen 1888 und 1893 geboren wurden.
Ihre Wohnung hatten die Familie Naßmacher in der Königstraße Nr. 78, etwa dort, wo die kleine Gasse auf den Ostermarkt stößt. Hier hatte Bernhard Naßmacher auch seine Schusterwerkstatt. Karl trat als Jüngling sprichwörtlich in die Fußstapfen seines Stiefvaters und erlernte ebenfalls das Handwerk des Schuhmachers, vermutlich von seinem Stiefvater.
Karl auf Freiersfüßen
Da die Familien Röhring und Nassmacher-Paß beide Wurzeln in der Region um Südlohn und Vreden hatten kann vermutet werden, dass sie bereits länger miteinander bekannt waren. Wie auch immer – gegen Mitte des Jahres 1898 entstand zwischen der 16-jährigen Anna und dem fünfeinhalb Jahre älteren Karl eine Beziehung. Anna war zwar noch sehr jung, aber die Eltern des jungen Paares hatten dennoch keine grundlegenden Einwände gegen die Liebschaft. Schließlich hatte Karl auch noch seine Militärzeit zu absolvieren. Anschließend sollte aber einer Heirat nichts mehr im Wege stehen.
Karl war bei den Röhrings ein gerngesehener Gast, der regelmäßig mit der Familie verkehrte. Annas Stiefvater spielte sich zwar hin und wieder etwas auf und gefiel sich dabei offenbar in seiner selbstgewählten Rolle als Beschützer seiner Stieftochter. Darüber ließ sich jedoch hinwegsehen, denn erstens kam dieses Verhalten eigentlich nur zu Vorschein, wenn er zuviel getrunken hatte und zweitens konnte ihn Anna ohnehin nicht sonderlich leiden. Wichtiger war, dass Karls Schwiegermutter in spe ihm offenbar wohlgesonnen war.
Sonntag, der 14.05.1899 war ein wunderbarer Frühlingstag. Karl und seine Freundin Anna nutzen den Tag für einen ausgedehnten Spaziergang zusammen mit ihren Eltern. In der westlichen Bocholter Feldmark luden nicht nur die in voller Blüte stehenden Eschfluren zu einem unbeschwerten Nachmittag ein sonderen auch das ein oder andere Ausflugslokal bot die Möglichkeit zur geselligen Einkehr. Gegen 19 Uhr begaben sich die Röhrings bei bester Laune auf den Heimweg. Karl begleitete Anna noch bis zur ihrer an der Werther Chaussee gelegenen Wohnung und blieb auch noch zum Abendbrot.

Die Stimmung kippte
Gegen 22 Uhr war für Karl aber die Zeit gekommen, sich auf den Heimweg zu machen. Anna begleitete ihn zur Tür aber das Abschiednehmen zog sich in die Länge. Ihrem Stiefvater dauerte dies alles viel zu lange. Vor allem aber hatte er den ganzen Nachmittag über bis in den Abend viel zu viel getrunken.
Als das junge Paar nach einiger Zeit noch immer vor der Haustür stand wurde es Bernhard zu bunt. Er riss das Fenster auf und begann, Karl mit Schimpf und Schande zu überschütten. Das wiederum mochte sich nicht bieten lassen. Er hatte es schließlich nicht nötig, sich von einem gerade einmal zehn Jahre Älterem sagen zu lassen, was er zu tun und zu lassen hatte.
Ob Karl bei Berhard einen wunden Punkt erwischte oder ob er sich schlicht im Ton vergriffen hatte, ist nicht bekannt. Plötzlich sprang Bernhard wie von der Tarantel gestochen aus dem Fenster, rannte Karl fluchend hinterher und erwischte ihn auf einem Acker auf der anderen Seite der Werther Chaussee. Hier kam es zu einem Kampf, bei dem Bernhard Karl am Hals ergriff und damit begann, ihn zu würgen.
„Mein Herz, mein Herz…“
Karl hatte offenbar geahnt, dass Bernhard in seiner Wut zu allem entschlossen war. Noch während er davongelauben war, hatte er sein Taschenmesser gezogen. Als Bernhard ihn immer weiter würgte, versetzte er ihm mit dem Messer einen Stich. Daraufhin ließ Bernhard von ihm ab.
Anna und ihre Mutter waren den Streithähnen entsetzt nachgeeilt. Als sie sahen, dass Bernhard verwundet war, begleiteten sie den Verletzten in Richtung seiner Wohnung. Bernhard blutete stark aus einer Wunde in seiner Brust. Schon nach wenigen Minuten wurde klar, dass es sehr ernst um ihn stand. Auch Karl stand das Entsetzen ins Gesicht geschrieben. Was hatte er da nur angerichtet? Das hatte er doch so nicht gewollt.
Auf die Frauen gestützt schaffte es Bernhard bis zur Werther Chaussee. Dort mußte er sich erst einmal an einem Baum festhalten. „Mein Herz, mein Herz! Ich muß sterben!“ Anna erwiderte nur, dass sie wollte, dass er morgen tot in seinem Bett liegen solle. Bis ins Bett kam Bernhard jedoch nicht mehr. Keine 15 Minuten nach dem Kampf verstarb er an seiner Verletzung. Karl hatte ihm einen heftigen Stich bis in die rechte obere Herzkammer versetzt.
Die Katastrophe nahm ihren Lauf
Für Karl gab es nichts zu erklären und zu beschönigen. Noch am gleichen Abend stellte er sich der Polizei, die ihn auch sogleich in Haft nahm. Doch damit waren der tragischen Ereignisse an diesem Tag noch nicht genug. In dem Augenblick, als seine Mutter von den Geschehnissen erfuhr, stürzte sie vor Schreck in ihrem Haus in der Königstraße die Kellertreppe hinunter.
Katharina Paß fiel dabei so unglücklich, dass sie sich schwerste Kopfverletzungen zuzog. Man brachte die bewusstlose Frau anschließend ins Bocholter Krankenhaus. Es kam infolge des Sturzes zu Gehirnblutungen, und ohne ihr Bewustsein wiederzuerlangen verstarb sie am frühen Morgen des 16.05.1899 im Bocholter Krankenhaus. Zurück blieben der Schumacher Nassmacher, drei minderjährige Kinder und eine fassungslose Bocholter Bevölkerung.
Schon sechs Wochen nach diesem verhängnisvollen Sonntagnachmittag kam es am 03.07.1899 vor dem Schwurgericht in Münster zum Strafprozess gegen Karl. Der Angeklage unternahm erst gar nicht den Versuch, irgendetwas von seiner Tat zu relativieren oder sich irgendwie sonst seiner Verantwortung zu entziehen. Zu groß war auch immer noch seine eigene Bestürzung.
Die Verteidigung pädierte dafür, dass Karl in Notwehr gehandelt hätte. Die Staatsanwaltschaft forderte hingegen ein Strafmaß von zwei Jahren Freiheitsstrafe. Die Geschworenen erkannten Karl schließlich für schuldig, der vorsätzlichen Körperverletzung mit Todesfolge. Sein vollumfängliches Geständnis, seine Reue und die Umstände der Tat wurden ihm jedoch strafmildernd ausgelegt. So wurde Karl schließlich zu einem Jahr Freiheitsstrafe verurteilt.
Das Schicksal blieb ungnädig
Nur 15 Monate nach seiner Verurteilung und nach Verbüßung seiner Haft heiratete Karl am 29.09.1900 in der Bocholter St.-Georgs-Kirchen Anna. Sie wohnten anschließend in der Kettenstraße 16 (die spätere Hammersenstraße) und etwas später in der Sachsenstraße 12. Karl ging zunächst wieder seinem Beruf als Schuhmacher nach. Etwa ein Jahr nach der Heirat, am 24.09.1901, wurde der Sohn Karl Johann geboren, der aber schon als Schuljunge am 10.03.1912 starb.
Nach dem 1. Weltkrieg betrieb Karl ein Fuhrgeschäft. Den technischen Neuerungen gegenüber war er offenbar aufgeschlossen, denn er nutzte nicht nach alter Väter Sitte die Kraft der Pferde, sondern er investierte in Kraftwagen. Es war offenbar ein lohnendes Geschäft, die zahlreichen Fabriken in und um Bocholt mit den nötigen Kohlen aus dem nahen Ruhrgebiet zu versorgen.
An der Dinxperloer Str. 172 erwarb Karl ein Grundstück für sein Unternehmen, wo er mit seiner Familie auch wohnte. Aber auch die neue Technik barg zahlreiche Tücken und Gefahren. Am 27.09.1921 mußte das zunächst ein 12jähriger Knabe erfahren. Eines von Karls‘ Lastautos samt Anhänger war voll mit Kohlen beladen in Dorsten auf der Straße unterwegs. Der Junge hatte offenbar versucht, während der Fahrt auf die Zugmaschine zu klettern. Dabei war er gestürzt und unter die Räder des Anhängers geraten. Das Kind war sofort tot.
War dieser Unfall ein schlechtes Omen? Nur wenige Wochen später, am 26.11.1921, rangierte eines von Karls‘ mit Kohlen beladenen Fahrzeugen auf dem Gelände der Textilfabrik David Friede am Bocholter Mühlenweg. Karl stand hinter dem Maschinenwagen, als ein Fahrer zurücksetzte. Er wollte mit einer Kupplungsstange einen Anhänger mit dem Wagen verkuppeln, wobei ihm die Stange entglitt. Karl geriet so zwischen die beiden Fahrzeuge und wurde auf der Stelle zu Tode gedrückt. Damit ereilte Karl das gleiche Schicksal wie dem Jungen wenige Wochen zuvor.
Für sein Unternehmen hatte Karl vermutlich Schulden aufgenommen und auf diese blieb nun seine Witwe Anna sitzen. Trotz der Inflation der 20er Jahre konnte die Witwe das Vermögen nicht halten. Mit der Zwangsversteigerung der Liegenschaften an der Dinxperloer Str. 172 am 22. Februar 1927 wurde das letzte Kapitel der kurzen Firmengeschichte besiegelt.
Anna Maria Gertrud Röhring lebte noch einige Jahre in ihrer Wohnung an der Dinxperloer Str. 172, starb aber ebenfalls früh, am 30.11.1934 in Bocholt im Alter von nur 52 Jahren.
Bernhard Nassmacher heiratete noch ein zweites Mal, und zwar die Gertrud Terörde. Er wohnte zuletzt an der Hochfeldstraße 36 und starb am 15.09.1934 im Alter von 75 Jahren.
© H. Krasenbrink
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Quellen:
Münsterischer Anzeiger, 48 (03/07/1899) 175
Westfälicher Merkur, 78 (03/07/1899) 331
Lengericher Zeitung, 40 (30/11/1921) 280
Kirchenbuch Südlohn St.-Vitus, KB022/Seite 56
Kirchenbuch Bocholt St.-Georg, KB024/Seite 354
Kirchenbuch Bocholt St.-Georg, KB031/Seite 203
Kirchenbuch Vreden St.-Georg, KB016/Seite 126
Kirchenbuch Bocholt St.-Georg, KB029/Seite 262
Kirchenbuch Vreden St.-Georg, KB016/Seite 235
Kirchenbuch Vreden St.-Georg, KB017/Seite 130
Kirchenbuch Vreden St.- Georg, KB017/Seite 96
Kirchenbuch Bocholt Liebfrauen, KB007/Seite 249
Abbildungen:
Abbildung 1: Gladbacher Volkszeitung, 28 (13/06/1899) 133
Abbildung 2: Messtischblatt 1897
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