Die Wanderschaft war für Handwerksgesellen seit jeher ein wichtiger Schritt für die Persönlichkeitsbildung. Damit am Ende dieses Lebensabschnittes ein gereifter Mensch in die Heimat zurückkehrte, war diese Zeit strengen Sitten und Gebräuchen unterworfen. Einige Gesellen nahmen es mit diesen Regeln jedoch nicht so genau, verfielen dem Müßiggang und gerieten schließlich auf die schiefe Bahn.
Schon lange vor Beginn der Industrialisierung war Bocholt eine Stadt des Handwerks. Zahlreiche Zünfte waren schon im Mittelalter straff organisiert und vertraten mit Stolz und Selbstbewusstsein die Interessen ihres jeweiligen Berufsstands. Ein bedeutender Zeitabschnitt im Leben eines Handwerkers war schon immer die Wanderschaft. Neben dem Erwerb von Fachkenntnissen diente die Walz auch der Persönlichkeitsbildung der Gesellen.
Die Wanderjahre bargen für einige aber auch die Gefahr, fern der Heimat zweifelhaften Verlockungen zu erliegen und vom rechten Weg abzukommen. In vielen Städten unterhielten daher die ortsansässigen Handwerkervereine Hospize für die betreute Unterbringungen der Wandergesellen.
In Bocholt wurde 1871 durch den Kaplan Linnemann der Gesellenverein initiiert, der wenige Jahre später an der Nobelstraße das Katholische Gesellenhaus erbaute. Diese Einrichtung diente nicht nur der Beherbergung, sondern entwickelte sich zugleich zu einem wichtigen Träger des Bocholter Vereinslebens.
Ein Böttcher von der Mosel
Einer jener zahllosen Wandergesellen, die es in die weite Welt zog, war der Küfergeselle Joseph Anton Reckert aus Ürzig an der Mosel. Er wurde geboren am 07.10.1900 als ältester Sohn von Karl Reckert und Barbara Görgen. Joseph Reckert hatte noch sieben jüngere Geschwister.
Als Küfer verstand er sich auf die Herstellung von Weinfässern. Für die Weinanbaugebiete an der Mosel war dieses Handwerk unverzichtbar. Im Bocholt gab es hingegen nur zwei Fassbindereien, weswegen es für Reckert in Bocholt auch kaum Beschäftigung gab. Aber vielleicht war es auch gar nicht seine Absicht, einer ordentlichen Arbeit nachzugehen, sondern stattdessen die Freiheiten seines Wanderlebens zu genießen. Man ist schließlich nur einmal jung.
Ein Metzger aus Henrichenburg
Auch den Metzgergeselle Peter Poth aus Henrichenburg im Vest Recklinghausen zog es in die Ferne. Auch er war das älteste Kind seiner Eltern, des Bergmanns Peter Poth aus Lütgendortmund und seiner Frau Maria Risse aus Waltrop. Geboren wurde Poth am 15.08.1900 und war damit nur wenige Wochen älter als Reckert.
Eine Arbeitsstelle auf der Zeche hatte er Anfang der 20er Jahre aufgegeben um fortan – mehr als Landstreicher, denn als Wandergeselle – durch die Region zu ziehen. Seinen Lebensunterhalt verdiente er sich, indem er in Kneipen Gesangsvorträge hielt und so die Gäste unterhielt. Das wenige Geld, das er dabei verdiente, wurde meist an Ort und Stelle in Schnaps und Bier umgesetzt.
Die beiden trafen sich im Kittchen
Im Frühjahr 1926 kreuzten sich die Wege von Poth und Reckert in Münster. Hier waren die beiden Gesellen den Ordnungshütern offenbar unangenehm aufgefallen, weswegen sie eine Nacht im Gefängnis verbrachten. Sie freundeten sich miteinander an und beschlossen, fortan gemeinsam singend und trinkend durchs Land zu tippeln.
So kamen sie schließlich am Donnerstag, den 22.04.1926, nach Bocholt und begannen, als Straßenmusikanten ihre Lieder vorzutragen. Dies wurde ihnen allerdings sofort von der Polizei untersagt. Also wichen sie aus in einige Bocholter Kneipen. Dort waren die beiden offenbar mehr willkommen als auf der Straße. Zum Lohn für die Belustigung der Gäste wurde sie immer wieder eingeladen und ihre Alkoholpegel stiegen mehr und mehr an. Ihre letzte Adresse war gegen 23 Uhr die Gaststätte Bierquelle in der Königstraße, wo man ihnen den Alkohol schon deutlich anmerkte.
Endstation: Bahnhofsgaststätte
Aber vom Trinken allein wurde man nicht satt. Also zogen Poth und Reckert weiter zur Bocholter Bahnhofsgaststätte. Zu dieser späten Stunde war das Speiseangebot des Restaurants bereits stark reduziert. Die Gurken, die die beiden verlangten, konnte man ihnen schon nicht mehr verkaufen. Daher blieben offenbar nur noch Ölsardinen und ein paar Brötchen übrig, die sich die beiden letztendlich auch bestellten. Aber auch dieses Menü dürften nicht mehr allzu reichhaltig gewesen sein, denn über die gerechte Aufteilung der Fische gerieten die beiden stark betrunkenen Gesellen heftig in Streit. So heftig, dass gegen 24 Uhr das letzte Bier nicht einmal ausgetrunken wurde, sondern die beiden Streithähne vor die Tür torkelten, wo sich der Disput noch hörbar fortsetzte.
Kurze Zeit später wurden die Bewohner rund um die Kreuzung vor dem Bahnübergang aus dem Schlaf gerissen. Laute Hilferufe tönten von der Straße. Dort hatte man einen jungen Mann in einer Blutlache liegen sehen. Kurze Zeit später trugen einige Helfer den Schwerverletzten in das Haus des Tabakhändlers Heinrich Backmann in der Kreuzstraße 29 an der Ecke zur Bismarckstraße. Dieser benachrichtigte sofort die Polizei und einen Arzt. Für den Mann kam allerdings jede Hilfe zu spät. Die Polizei konnte nur noch feststellen, dass es sich bei dem Toten um den Küfer Reckert handelte.

Der Zeuge, der so laut nach Hilfe gerufen hatte, war kurz nach Mitternacht mit dem Fahrrad am Bahnhof vorbeigefahren. Er hatte gesehen, dass Poth und Reckert auf dem Boden übereinander lagen. Als er sich den beiden näherte, war Poth aufgesprungen und hatte die Flucht ergriffen. Dann fiel ihm erst auf, dass Reckert stark aus mehreren Wunden blutete und jammernd um Hilfe bat. Bei der späteren Obduktion wurde festgestellt, dass Poth seinem Zechkumpan zwei Stiche am Hals zugefügt hatte, an denen er verblutete.
Der Metzger suchte das Weite
Von Poth fehlte zunächst jede Spur. Aber schon am Vormittag des nächsten Tages fiel einem Landjäger auf seinem Dienstgang auf der Chaussee von Bocholt nach Rhede ein verstört wirkender Mann auf. Bei näherem Hinsehen waren seine noch stark blutverschmierten Hände sichtbar. Daher nahm er den Fremden fest und überstellte ihn der Polizei in Rhede.
In Rhede stellte man fest, dass es sich bei dem festgenommenen um den von der Bocholter Polizei gesuchten Poth handelte. Dieser wirkte völlig erschüttert und räumte ein, dass er seinen Freund mit dem Taschenmesser niedergestochen hatte.
Am 14.07.1926 wurde Poth für seine Tat in Münster vor das Schwurgericht gestellt. Er sagte dabei aus, dass er sich nur noch dunkel an seinen Streit mit Reckert wegen der Ölsardinen erinnern könne. Dabei sei er als erster von Reckert geschlagen worden und er hätte sich lediglich gewehrt. An das, was danach geschah, könne Poth sich nicht mehr erinnern.
Der Zeuge, der die beiden bei ihrem Kampf gesehen hatte, belastet Poth jedoch als den Haupttäter. Das Gericht verurteilte Poth schließlich wegen Körperverletzung mit Todesfolge zu zwei Jahren Gefängnis.
Nach seiner Haft lebte Peter Poth vermutlich noch bis nach dem Krieg in der Alfredstraße 14 in Castrop-Rauxel. Er war als Spediteur tätig und musste sich nach dem Krieg einem sogenannten Entnazifizierungsverfahren stellen. Sein Todesdatum ist unbekannt.
© H. Krasenbrink
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Quellen:
Münsterischer Anzeiger, 75 (22/04/1926) 367
Münsterischer Anzeiger, 75 (23/04/1926) 371
Volkswille Münster, 8 (15/07/1926) 163
Münsterischer Anzeiger, 75 (14/07/1926) 640
Wittener Tageblatt, 67 (15/07/1926) 163
Westfälischer Merkur, 105 (14/07/1926) 289
Landesarchiv NRW, Abteilung Ostwestfalen-Lippe, P 9 / 3 (Standesamt Stadt Bocholt)
https://gw.geneanet.org/jpschweisthal?n=reckert&oc=&p=anton+joseph
Westfälische Landeszeitung, 50 (21/09/1937) 256
Landesarchiv NRW, Abteilung Ostwestfalen-Lippe, P 9 / 3 (Standesamt Stadt Bocholt)
Landesarchiv NRW, Abteilung Ostwestfalen-Lippe, P 9 / 3 (Standesamt Stadt Bocholt)
Abbildungen:
Abbildung 1: Bocholt Stadtplan 1928
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