Zum Ende des 19. Jahrhunderts platzte die Bocholter Altstadt aus allen Nähten und es entstanden zahlreiche neue Textilfabriken und Arbeiterkolonien in der Feldmark. Im Westen der Stadt war die Spinnerei Rothe Erde ein Treiber dieser Entwicklung. Zu Hunderten zogen Arbeiter in die neuen Quartierte an die Werther Straße – soziale Begleiterscheinungen inklusive.
Als hätte Franz Oehmen diese Entwicklung vorausgeahnt. Schon 30 Jahre zuvor hatte der umtriebige Wirt und Geschäftsmann seine Restauration „Maienthal“ auf der nördlichen Seite der Werther Chaussee eröffnet. Das Ausflugslokal lag damals noch auf der „Grünen Wiese“, etwa auf halber Strecke nach Lowick. Es war ein beliebtes Naherholungsziel für die Bocholter Bürger. Inzwischen befand sich dort allerdings eine Großbaustelle.
1897 hatte sich die „Rothe Erde Baumwollspinnerei zu Bocholt“ als Aktiengesellschaft gegründet. Nördlich von Oehmens Lokal errichtete das junge Unternehmen eine hochmoderne Textilfabrik, um die gleichzeitig einige neue Straßenzüge entstanden. Wieder hatte Franz Oehmen offenbar den richtigen Riecher. Südlich der Werther Straße errichtete er die Gaststätte „Kaisergarten“ nebst Kolonialwarenladen und einiger Mietwohnungen. Kundschaft gab es reichlich direkt vor seiner Tür.

Arbeiter zogen von weither nach Bocholt
Schon während der Bauphase brachte die Rothe Erde einen großen Strom Arbeiter in die aufstrebende Industriestadt. Die Bauhandwerker kamen aus allen Teilen Deutschlands. Nach Fertigstellung ihres Gewerkes zogen sie weiter. Einige blieben aber auch in Bocholt und wurden dort dauerhaft sesshaft.
Einer dieser Wanderarbeiter war Peter Liebel aus Cochem. Er wurde in der vielbesungenen Stadt an der Mosel am 07.04.1878 geboren als Sohn des Bahnarbeiters Johann Liebel und seiner Frau Anna Maria Jansen. Außer der Winzerei und dem Weinhandel hatte Cochem aber nicht viel zu bieten. Deshalb suchte er als Schreinergeselle sein Glück in der Ferne. Auf der Baustelle der Rothen Erde fand er 1898 Arbeit. Kost und Logis bekam er bei einer Kostwirtin unter der Hausnummer 529 in der Feldmark. Das war eines der Arbeiterhäuser, die die Rothe Erde neu für seine Arbeiter in der Kettenstraße gebaut hatte.

Ein anderer Arbeiter auf Rothe Erde war der aus Meckbach bei Hersfeld in Kurhessen stammende Wilhelm Rohrbach. Rohrbach war 25 Jahre alt und eigentlich von Beruf Schlachter. Auf der Baustelle verdingte er sich aber als Betonarbeiter.
In der Freizeit nur „Dumm Tüch“
In seiner freien Zeit hing Rohrbach häufig zusammen mit Liebel und weiteren Arbeitsgenossen in den Gasthäusern herum, um dort die Zeit totzuschlagen. Die Enge in den Wohnungen, soziale Spannungen, Rivalitäten und der Alkohol führten unter den Arbeitern nicht selten zu Streitigkeiten. Diese Konflikte schlugen leicht um in tätliche Auseinandersetzungen, die häufig auch schwere Körperverletzungen zufolge hatten.
In der öffentlichen Wahrnehmung wurden diese Auswüchse zunehmend mit Sorge zur Kenntnis genommen. So beklagte die örtliche Zeitung in Bocholt, dass die Unsicherheit stetig zunehmen würde und dass es in Bocholt allein am Samstag, den 05.11.1898, zu mehreren Fällen von Gewalttätigkeit und Messerstechereien gekommen sei. Auch Rohrbach war in dieser Hinsicht schon einmal unangenehm aufgefallen, und hatte bereits eine einschlägige Vorstrafe von 4 Wochen Gefängnis auf dem Kerbholz.
So wie der Samstag verlief setzte sich auch der Sonntag fort. Schon den ganzen Tag über verbrachten Rohrbach und Liebel ihre Zeit in den Lokalen in der westlichen Feldmark. Zum Abend fanden sich die beiden mit einigen anderen versprengten Zechern in der Oehmen’schen Gaststätte Kaisergarten ein. Gegen 23 Uhr gab der Wirt das Signal zum Zapfenstreich und eine kleine Gruppe mächtig angetrunkener Gesellen machte sich auf dem Heimweg.
Ein nichtiger Grund schlug in Gewalt um
Weit hatte es Liebel nicht, denn seine Wohnung in der Feldmark Nr. 529 lag nur einen Steinwurf entfernt. Dennoch verlor Rohrbach für einen kurzen Moment den Anschluss an die Gruppe – und Liebel die Geduld. Er forderte ihn schroff auf, dass er sich gefälligst beeilen und mit nach Hause kommen solle.
Dieser nichtige Grund versetzte Rohrbach jedoch so sehr in Rage, dass er Liebel anherrschte: „Wer will mir was?!“. Doch damit nicht genug: Im selben Moment ging Rohrbach mit gezücktem Messer auf Liebel zu und versetzten ihn einen wuchtigen Stich in seine linke Brustseite. Der schwer verletzte Liebel ging eiligen Schrittes die letzten 50 Meter auf seine Wohnung zu, stolperte einmal ums Haus, um schließlich hinter dem Haus tot zusammenzubrechen.
Liebels Zechkumpanen blieben rat- und fassungslos zurück. Sie wussten sich nicht anders zu helfen, als den Schwerverletzten erst einmal in die Stube zu bringen. Auch Liebels Kostwirtin war inzwischen dazugekommen. Schließlich kam auch Rohrbach dazu und fragte die Wirtin nur lapidar: „Ist er tot?“
Die Antwort gab er sich selbst. Er ergriff die Hand des Toten und begann dann zu klagen und in Selbstmitleid zu verfallen: „Peter, vergib mir, ich bin es gewesen, ich habe dich erstochen!“. Lange verweilte Rohrbach aber nicht mehr bei dem Toten, sondern er begab sich in seine eigene Wohnung, packte eiligst ein paar Sachen zusammen und flüchtete, noch bevor die verständigte Polizei am Tatort eintraf.
Auf der Flucht plagte das Gewissen
Sein Weg führte ihn zunächst zum Bocholter Bahnhof, wo man am nächsten Tag die Tatwaffe fand. Am Bahnhof verbrachte er die Nacht über in einem Waggon, um dann am Montag in der Früh mit einem Güterzug Bocholt in Richtung Ruhrgebiet zu verlassen. Von dort führte ihn sein Fluchtweg ins vermeintlich sichere Holland. Aber auch jenseits der Grenze erfuhr die Öffentlichkeit schon wenige Tage später von der grausigen Messerstecherei in Bocholt. Rohrbach musste erkennen, dass seine Flucht aussichtslos war. Auch plagte ihn das schlechte Gewissen, weswegen er noch in der gleichen Woche nach Bocholt zurückkehrte und sich dort der Polizei stellte.
Am 10. Januar 1899 wurde Wilhelm Rohrbach vor dem Münsteraner Schwurgericht der Prozess gemacht. Hier spielte er den Ahnungslosen, der sich an nichts erinnern konnte und sich auch nicht erklären konnte, was ihn zu seiner Gewalttat bewogen hatte. Als Sachverständige sagten in diesem Prozess die Mediziner Dr. Munsch aus Bocholt und Dr. Eckervogt aus Borken aus, die die Obduktion vorgenommen hatten. Nach ihrer Erkenntnis wurde der Stich mit einer derartigen Wucht ausgeführt, dass die Klinge eine Rippe glatt durchtrennte und das Herz vollständig durchbohrte.
Die Staatsanwaltschaft plädierte auf Todschlag und die Verteidigung auf Körperverletzung mit Todesfolge unter Zubilligung mildernder Umstände. Die Geschworenen erkannten Rohrbach schließlich für schuldig, Liebel vorsätzlich getötet zu haben. Das Gericht verurteilte ihn daher zu 5 Jahren Gefängnis.
Wilhelm Rohrbachs Spur verliert sich nach seiner Verurteilung.
© H. Krasenbrink
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Quellen:
Dülmener Zeitung, 26 (12/01/1899) 5
Westfälischer Merkur, 77 (08/11/1898) 561
Westfälischer Merkur, 77 (12/11/1898) 568
Münsterischer Anzeiger, 48 (10/01/1899) 8
Kirchenbuch Bocholt St. Georg, KB031/Seite 191
Abbildungen:
Abbildung 1: Landesarchiv NRW Abt. Westfalen, Kartensammlung A, Nr. 14429, Stadtplan Bocholt 1901
Abbildung 2: Stadtarchiv Bocholt
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