Wilhelm Hufe neigte zu unkontrollierten Wutausbrüchen. Als sogenannter „schwer Erziehbarer“ überforderte er nicht nur seine Mutter, sondern auch die Pädagogen und sozialen Einrichtungen seiner Zeit. Letztere schadeten zu Beginn des 20. Jahrhunderts häufig mehr, als sie nützten. In der beklemmenden Enge der Bocholter Altstadt kam es so zu einer dramatischen Eskalation.
Die Gasthausstraße in Bocholt war eine jener uralten und schmalen Gassen im Herzen der Stadt, wo sich die kleinen Häuser der einfachen Leute eng aneinanderreihten. Hier wohnte in der Nr. 29 um das Jahr 1900 die Familie des Heinrich Hufe und seiner Frau Gertrud Tebroke. Der Vater wurde am 01.09.1856 auf dem Hof Lohkamp in Biemenhorst 17a geboren, der an der Dingdener Chaussee nahe bei den Lehmkuhlen lag.

Gertrud Tebroke gebar ihren ältesten Sohn Wilhelm am 14.03.1880 unehelich, was um jene Zeit einem Makel gleichkam. Die etwas überstürzte Heirat folgte drei Monate später am 16. Juni, womit Heinrich Hufe auch seine Vaterschaft über Wilhelm anerkannte. Die Kinderschar wuchs rasch. Es folgten zunächst zwei weitere Söhne. Heinrich wurde am 06.04.1884 geboren und Otto am 19.12.1885. Dann kamen von 1888 bis 1896 noch vier Töchter hinzu.
Wilhelm – Ein Systemsprenger seiner Zeit
Reich war die Familie nur an Kindern, denn der Lohn des Fabrikarbeiters Hufe reicht gerade für das täglich Brot und für die bescheidene Wohnung am Ende der Gasthausstraße. Besondere Probleme bereitete den Eltern jedoch der älteste Sohn Wilhelm. Er galt als schwer erziehbarer Taugenichts, der seit seinem 11. Lebensjahr insgesamt sieben Jahre seines jungen Lebens in Gescher im Haus Hall, der „Erziehungsanstalt für verwahrloste Knaben katholischer Konfession“, zubrachte.
Am 09.07.1901 kam es für die Familie Hufe zur Zäsur. Viel zu früh starb Heinrich Hufe im Alter von nur 44 Jahren im Bocholter St. Agnes Hospital. Die ältesten Kinder hatten ihre Schulzeit schon hinter sich und hätten durch redliche Arbeit den Lebensunterhalt der Familie sicherstellen können. Diese Aufgabe blieb jedoch hauptsächlich bei Otto hängen, dem Jüngsten der Brüder. Auf Wilhelm und Heinrich war hingegen wenig Verlass. Sie kamen über Gelegenheitsarbeit nicht hinaus und verfielen häufig dem Müßiggang.
Hinzu kam, dass beide Brüder, aber vor allem Wilhelm, weiterhin regelmäßig über die Stränge schlugen. Sie fielen auf durch schlechtes Benehmen, machen Ärger mit kleineren Diebstählen und vergrößerten dadurch die Sorgen der Mutter. Dass sie mit ihren Altersgenossen durch die Viertel und Kneipen zogen und auch tätlichen Auseinandersetzungen nicht aus dem Weg gingen war sicherlich dem Alter geschuldet. Dass sie aber nicht einmal davor Halt machten, selbst unbescholtene Bürger zu bedrohen und anzugreifen, verstärkte nach und nach ihren zweifelhaften Ruf.
Wilhelms erste Verurteilung
Am 06.01.1902 wurde Wilhelm erstmals straffällig wegen Körperverletzung. Sein Bruder Heinrich und zwei weitere Burschen waren ebenfalls beteiligt. Sie misshandelten auf offener Straße den Zahnarzt und Fussball-Pionier des Bocholter Fußball-Club 1900, Dr. Conrad Boers, von der Langenbergstraße 2. Zu nächtlicher Stunde geriet der geachtete Bocholter Bürger dem Quartett in die Quere. Ob der Arzt einem der Burschen zu sehr auf den Zahn gefühlt hatte, ob Alkohol im Spiel war oder welche sonstigen Gründe zu dem Scharmützel geführt hatten, ist nicht bekannt. Letztendlich wurde Dr. Boers von den Vieren gemeinschaftlich verprügelt, wobei der Rädelsführer sein Messer zückte und dem Arzt eine sieben Zentimeter lange tiefe Schnittwunde am Kopf zufügte.

Dr. Conrad Boers im Trikot des BFC 1900
Für diese Körperverletzung mussten die Vier am 6. März und am 2. April des Jahres vor dem Münsteraner Schwurgericht geradestehen. Dem Haupttäter brachte dies ein Jahr Haft ein. Wilhelm Hufe kam dabei mit vier Monaten davon und sein jüngerer Bruder Heinrich erhielt wegen seines jugendlichen Alters lediglich 2 Monate Gefängnis. Dr. Conrad Boers hielt dies indessen nicht davon ab, im späteren Verlauf des Jahres 1902 beim St.-Georgius-Schützenfest den Vogel abzuschießen und den Schützenthron zu besteigen.
Wilhelms Resozialisierung scheiterte
Auf Wilhelm hatte die Erfahrung von vier Monaten Haft offenbar ebenso wenig heilsame Wirkung hinterlassen, wie seine Jahre im Haus Hall. Durch seine Streitsucht und seinen Hang zur Gewalt wurde er immer wieder für seine Mitmenschen zur Plage. Dies sollte in der Nacht zum 2. Juli 1906 ihm und vor allem seiner Familie zum Verhängnis werden.
Wie so häufig war am Abend des 1. Juli wieder einmal dicke Luft in der Wohnung in der Gasthausstraße 27. Wilhelm war angetrunken nach Hause gekommen und geriet darüber mit seiner Mutter in Streit. Weil er sie mit Flüchen und Drohungen überzog, von der nicht einmal die kleine Schwester verschont blieb, mischten sich die anderen Brüder ein, allerdings ohne die Situation beruhigen zu können. Erst als die Polizei auftauchte, kehrte in der kleinen Wohnung vorübergehend Ruhe ein.
Etwas später flammte der Zwist allerdings erneut auf, als Wilhelm gerade damit beschäftigt war, ein Brotmesser zu schärfen. Dabei schreckte er nicht einmal davor zurück, seine eigene Mutter mit dem Messer zu bedrohen. Für die beiden jüngeren Brüder war damit das Maß voll. Sie versuchten Wilhelm das Messer zu entreißen, worauf es zu einem Handgemenge kam, bei dem Heinrich unterhalb seiner Schulter einen Stich in den Rücken erhielt. Schließlich gelang es jedoch, Wilhelm das Messer fortzunehmen, wobei es zerbrach. Wilhelm geriet nun völlig in Rage, zückte sein Taschenmesser und stürzte sich auf Otto, seinem jüngsten Bruder. Er versetzte ihm einen heftigen Stich in die linke Brustseite, worauf dieser zusammenbrach und innerhalb kürzester Zeit starb.
Dem rasch herbeigerufenen Arzt, Dr. Müller aus der Osterstraße, blieb nur, den Tod festzustellen und sich um die Versorgung des Heinrich zu kümmern. Als Wilhelm klar wurde, was er angerichtet hatte, ergriff er die Flucht. Am nächsten Morgen wurde jedoch in einem Kohlenlager am Bocholter Bahnhof aufgegriffen und verhaftet.
Wilhelm war „ganz toll im Kopf“
Zwei Tage nach der Tat, am 04.07., nahmen die beiden Ärzte Dr. Henning und Dr. Drießen in der Leichenhalle des neuen Bocholter Friedhofes an der Blücherstraße eine Obduktion der Leiche vor. Diese ergab, dass der Tod durch einen Stich ins Herz herbeigeführt wurde. Die Justizbehörden führten hierbei Wilhelm an die Leiche heran, der daraufhin unter Tränen ein Geständnis ablegte.
Am 16.10.1906 kam es vor dem Schwurgericht in Münster zum Strafprozess gegen Wilhelm. Sämtliche Familienmitglieder verweigerten in diesem Prozess die Aussage. Wilhelm selbst berief sich auf Notwehr. Sein Bruder Otto hätte ihn als erster angegriffen. Außerdem sei er an diesem Abend „ganz toll im Kopf“ gewesen. Besonders überzeugend war diese Darstellung indessen nicht, galt doch gerade der getötet Otto als der besonnenste der drei Brüder.
Die Staatsanwaltschaft forderte einen Schuldspruch wegen Totschlags. Die Verteidigung hingegen plädierte für mildernde Umstände und auf Körperverletzung mit Todesfolge. Die Geschworenen entschieden daraufhin im Sinne der Verteidigung. Eine Zuchthausstrafe blieb Wilhelm letztendlich erspart und das Gericht entschied unter Berücksichtigung des Geständnisses lediglich auf 5 Jahre Gefängnis.
Seinen Bruder Heinrich sah Wilhelm vermutlich nie wieder. Er starb nur sieben Monate später, am 27.05.1907 im Bocholter St. Agnes Hospital im Alter von nur 22 Jahren. Auch die Witwe Gertrud Tebroke wurde nicht alt. Sie starb am 17.11.1913 in Bocholt. Das Schicksal des Wilhelm Hufe selbst ist hingegen nicht zweifelsfrei geklärt. Wie so viele seiner Generation starb er vermutlich im 1. Weltkrieg.
© H. Krasenbrink
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Quellen:
Bocholter Borkener Volksblatt, 31 (04/04/1902) 91
Bocholter Borkener Volksblatt, 35 (02/07/1906) 175
Bocholter Borkener Volksblatt, 35 (03/07/1906) 176
Bocholter Borkener Volksblatt, 35 (05/07/1906) 178
Bocholter Borkener Volksblatt, 35 (18/10/1906) 283
Wittener Volkszeitung, 11 (04/07/1906) 150
Münsterischer Anzeiger, 51 (04/04/1902) 182
Westfälischer Merkur, 85 (06/07/1906) 328
Dülmener Zeitung, 33 (09/10/1906) 121
Westfälischer Merkur, 85 (17/10/1906) 518
Ahauser Kreiszeitung, 26 (20/10/1906) 84
Kirchenbuch Bocholt, St.-Georg, KB024/Seite 274
Kirchenbuch Bocholt, St-Georg, KB026/Seite 94
Kirchenbuch Bocholt, St.-Georg, KB026/Seite 267
Kirchenbuch Bocholt, St.-Georg, KB026/Seite 348
Kirchenbuch Bocholt, St.-Liebfrauen, KB007/Seite 92
Landesarchiv NRW, Abteilung Ostwestfalen-Lippe, P 9 / 3 (Standesamt Stadt Bocholt)
Landesarchiv NRW, Abteilung Ostwestfalen-Lippe, P 9 / 3 (Standesamt Stadt Bocholt)
Landesarchiv NRW, Abteilung Ostwestfalen-Lippe, P 9 / 3 (Standesamt Stadt Bocholt)
Landesarchiv NRW, Abteilung Ostwestfalen-Lippe, P 9 / 3 (Standesamt Stadt Bocholt)
Abbildungen:
Abbildung 1: Bocholt Stadtplan 1928
Abbildung 2: Die Gründungsmannschaft des 1. FC Bocholt im August 1900
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