Deutsche „Moffen“ und niederländische „Kaasköppe“ – meistens ging das gut, denn hüben wie drüben überwog das Verbindende. Als es im Städtchen Aalten zu einem Gewaltexzess kam, lag das jedenfalls nicht an den Nationalitäten. Denn Kriminalität hat keine Staatsangehörigkeit.
Am Abend des 22. November 1909 umwehte ein kalter Wind den Bahnhof von Aalten. Auf dem Bahnsteig des sonst so beschaulichen Ortes drängte sich an diesem Montag eine ungewöhnlich große Menschenmenge. Als die Waggons des Sechs-Uhr-Zuges nach Zutphen unter metallischem Quietschen zum Stehen kamen, setzte Unruhe ein. Flankiert von Gendarmen und unter den ernsten Blicken einiger Beamter der niederländischen Justiz wurde ein junger Bursche in Handschellen über den Bahnsteig geführt.
Die Menschen bildeten ein Spalier. Als der Häftling hindurchgeführt wurde, reckten sie die Köpfe. Jeder wollte einen Blick auf das seltsame Schauspiel erhaschen, das sich dort abspielte. Neugier und Fassungslosigkeit mischten sich mit Wut. Aus der Menge tönten vereinzelte Rufe, die Abscheu und Verachtung zum Ausdruck brachten. Viele Aaltener waren noch immer zutiefst aufgewühlt.
Als der Gefesselte mit seinen strengen Begleitern den Zug bestiegen hatte, ertönte der gellende Pfiff der Lokomotive. Unter lautem Zischen und Getöse setzte sich die Bahn träge in Bewegung und verschwand in den dunklen Novemberabend. Die Menschenmenge löste sich allmählich auf. Einige standen aber noch länger zusammen. Sie ereiferten sich noch immer über das, was sich am Abend zuvor in ihrer Dijkstraat zugetragen hatte.
Deutsch-Niederländische Nachbarschaft
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war das Leben im Westmünsterland und im niederländischen Achterhoek ein ständiges Hin und Her. Grenzen? Die existierten zwar auf dem Papier, spielten aber für das tägliche Leben kaum eine Rolle. Waren es in früheren Jahrhunderten noch die sogenannten Hollandgänger, die alljährlich als Saisonarbeitskräfte von Deutschland in die Niederlande zogen, so führte um die Jahrhundertwende die fortschreitende Industrialisierung zu einer entgegengesetzten Wanderungsbewegung: Deutsche und niederländische Arbeitskräfte strömten nun in die expandierende Textilindustrie der Region. Seit einigen Monaten baute man sogar an einer Kleinbahn, die ab dem Frühjahr 1910 täglich niederländische Arbeiter von Lichtenvoorde und Aalten nach Bocholt bringen sollte.
Neben diesen wechselseitigen wirtschaftlichen Verflechtungen war das Leben an der Staatsgrenze von jeher von engen menschlichen Beziehungen geprägt – seien sie verwandtschaftlicher Art oder einfach Teil des alltäglichen kleinen Grenzverkehrs. Besonders auf junge Menschen übte es schon damals einen ganz eigenen Reiz aus, sich in der knapp bemessenen Freizeit gelegentlich auf der anderen Seite der Grenze umzuschauen.
Ein Deutscher jenseits der Grenze
Für Johann Heinrich Kalberg waren die Niederlande naheliegend. Der Hof seiner Eltern, der kleine Kotten Ottenkamp in der Bauerschaft Liedern, westlich von Bocholt, mit der Hausnummer 93/94, lag nur wenige Kilometer von Dinxperlo entfernt, und bis nach Aalten waren es gerade einmal 15 Kilometer. Durch den frühen Tod seiner Mutter vier Jahre zuvor hatte Johann als ältester Sohn auf dem elterlichen Hof schon früh Verantwortung übernehmen müssen. Aber auch seine ältere Schwester und die jüngeren Brüder waren gefordert, um die neunköpfige Familie durch diese schweren Jahre zu bringen. Weil der kleine Kotten nicht genug abwarf, verdiente Johann seinen Haupterwerb als Färber in der Böggering’schen Fabrik in Lowick. Dort war er wohlgelitten, und man schätzte ihn als zuverlässigen Arbeiter.
Johann Heinrich Kalberg wurde am 08.07.1889 in Liedern Nr. 93/94 geboren. Seine Eltern waren der Kötter und Tagelöhner Wilhelm Kalberg (*09.05.1860 in Wertherbruch +08.02.1938) und Anna Margaretha Schepers (*13.04.1861 in Wertherbruch +31.05.1905). Die Eheleute heirateten am 11.02.1888 in St. Georg in Bocholt.
Johann Kalberg hatte noch neun Geschwister:
- Hermann Bernhard *08.06.1886 in Wertherbruch +14.11.1892 in Liedern
- Theodora *30.05.1888 +15.08.1937
- N.N. *13.11.1891 +14.11.1891
- Bernhard Albert *10.03.1893 +26.07.1915
- Theodor *03.03.1895 +1917
- Christine *15.09.1896 *27.05.1976
- Bernhard Heinrich Victor *10.06.1898 +13.12.1964
- Maria Bernhardina *08.09.1900 *24.12.1969
- Anna Louise *21.05.1903 +05.07.1985
Doch der 21. November 1909 war ein Sonntag, und an diesem Tag ruhte die Arbeit. Für Johann war dies eine der seltenen Gelegenheiten, die Fabrik und den Hof für ein paar Stunden hinter sich zu lassen. Zusammen mit seinem jüngeren Bruder Albert und einigen Freunden hatte es ihn über die Grenze nach Aalten gezogen. Ein bisschen Vergnügen suchen, Spaß haben, Mädchen kennenlernen und die Nachbarschaft pflegen – oder vielleicht auch ein paar Dinge besorgen, die jenseits der Grenze günstiger zu haben waren.
Ein Niederländer diesseits der Grenze
Auch der Aaltener Bernard Rietberg war auf beiden Seiten der Grenze zu Hause. Bereits im Jahre 1906 zog es ihn im Alter von 19 Jahren nach Deutschland. In Emmerich fand er, wie so viele seiner Landsleute, Arbeit in einer Fabrik. Der junge Bursche war allerdings auch im übertragenen Sinne ein Grenzgänger: Immer wieder bewegte er sich auf dem schmalen Grat, der das Erlaubte vom Verbotenen schied. Vor allem war es sein Hang zu Gewalttätigkeiten, mit dem er sich und seine Mitmenschen immer wieder in Schwierigkeiten brachte.
Bernardus Rietberg wurde am 22.08.1886 in Aalten, Bauerschaft Dale Nr. 56, als Sohn des Bauern Hendrikus Rietberg (18.10.1835 +13.05.1919) und Tonia van Dooren (*13.01.1843 +23.05.1904) geboren. Die Eheleute heirateten 13.11.1869 in Aalten.
Bernardus Rietberg hatte noch drei Geschwister:
- Gradus Johannes Hendrikus *02.10.1870
- Johanna Maria *05.01.1875
- Hendrika Hermina *19.05.1879
Im Februar 1907 kam es zu einem Vorfall, der für Bernard ernsthafte Folgen haben sollte. In Emmerich geriet er in eine Schlägerei mit einigen Landsleuten. Die Rauferei eskalierte; Steine, Stöcke und schließlich auch Messer kamen zum Einsatz. Für diese Grenzüberschreitung musste er sich im März 1907 vor dem Duisburger Landgericht verantworten. Die 1. Strafkammer erkannte in Bernard den Haupträdelsführer und verurteilte ihn wegen Körperverletzung und unerlaubten Waffenbesitzes zu 18 Monaten Gefängnis. Die preußische Justiz hatte dem Niederländer seine Grenzen aufgezeigt.
Nach Verbüßung der Haftstrafe kehrte Bernard nach Aalten zurück. Endlich wieder auf freiem Fuß – doch geläutert war er nicht. In der Heimat eilte dem Vorbestraften ein schlechter Ruf voraus. Seine Mitmenschen mieden ihn, er sah sich ausgegrenzt. Der inzwischen 23-Jährige dachte nun darüber nach, in die niederländischen Kolonien nach Ostindien auszuwandern, um dort einen Neuanfang zu wagen. Doch genau an jenem 21. November 1909 erhielt er die Nachricht, dass sich seine Hoffnung nicht erfüllen würde. Wut und Enttäuschung begleiteten ihn durch den Tag. Was sollte er nun mit seinem verpfuschten Leben anfangen? Gegen Abend führte ihn sein Weg in den Süden des kleinen Städtchens. Am Beginn der Dijkstraat, wo die Kerkstraat abzweigte, befand sich ein kleiner Platz. Dort betrieb Wilhelm Joseph Bauhaus aus Spork ein Café, das vor allem bei jungen Leuten beliebt war. Bernard trat ein.
Grenzenlose Gewalt
Es war inzwischen halb zehn Uhr abends. Längst hatte sich die herbstliche Dunkelheit über Aalten gelegt. Vor dem Café Bauhaus stand Johann zusammen mit seinem Bruder Albert, zwei weiteren Burschen und zwei Mädchen im fahlen Schein einer Straßenlaterne. Der arbeitsfreie Sonntag neigte sich dem Ende zu, doch die jungen Leute kosteten die verbleibende Zeit bis zur letzten Minute aus. Sie lachten, die Stimmung war gelöst.

Plötzlich näherte sich eine Gestalt der Gruppe: Bernard Rietberg. Bauhaus hatte ihn kurz zuvor aus seinem Lokal geworfen. Es war wohl weniger der Alkohol als vielmehr die aggressive Missstimmung, die Bernard fortwährend verbreitet hatte. Der Wirt war nicht gewillt gewesen, dessen Frust zum Problem seiner Gäste zu machen. Also hinaus mit ihm!
Dieser Rauswurf war kaum dazu angetan, Bernards Laune zu bessern; jetzt war der Bursche erst recht auf Streit aus. Er drängte sich rücksichtslos in die Runde der Sechs und begann ohne Umschweife, eines der Mädchen unflätig zu belästigen. „Lass sie in Ruhe!“, forderte einer der jungen Männer. Worte flogen hitzig hin und her. Ein Wort gab das andere, und die Situation eskalierte in Sekundenschnelle.
Johann trat einen Schritt vor, um zu vermitteln und das Mädchen zu schützen. Im trüben Laternenlicht blitzte plötzlich Metall auf – ein Messer. Ein unterdrückter Schrei. Bernard stieß zu. Kalt, präzise und ohne Zögern traf die Klinge Johann mitten in die Brust, durchdrang Kleidung und Fleisch bis tief in den rechten Lungenflügel. Einen Moment lang schien die Welt einzufrieren. Dann zog Bernard die Waffe zurück, drehte sich um und ging seelenruhig, als wäre nichts geschehen, in der Dunkelheit davon.
Johann taumelte. „Ich glaube, er hat auf mich eingestochen“, entfuhr es ihm mit schwacher Stimme. Er presste die Hand auf die Brust und spürte das warme, pulsierende Blut. Er stolperte noch ein paar Schritte die Kerkstraat hinunter, die Hand suchend an den Hauswänden entlang, bevor seine Knie nachgaben und er auf dem kalten Pflaster zusammenbrach.
Panik brach aus. Seine Kameraden und sein entsetzter Bruder packten den Schwerverletzten, hoben ihn hoch und schleppten ihn zurück in das nahegelegene Café. Der Wirt schlug die Hände über dem Kopf zusammen. In aller Eile wurde Dr. van Leuven herbeigerufen. Als der Arzt keuchend eintraf, bot sich ihm ein Bild des Entsetzens. Johann lag bleich auf einem Tisch, das Atmen ein rasselnder Kampf. Van Leuven untersuchte die Wunde und sah das unaufhaltsam fließende Blut. Er schüttelte im Stillen den Kopf; er konnte nichts mehr für den Jungen tun.
Mehr aus Verzweiflung denn aus Hoffnung wurde Johann auf einen hölzernen Handwagen gebettet und in das Aaltener Krankenhaus gebracht. Jeder Stoß über das raue Pflaster war eine Qual. Ein eilig herbeigerufener Geistlicher spendete dem Sterbenden noch die Letzte Ölung. Kaum eine halbe Stunde nach der Einlieferung in das Hospital tat der erst zwanzigjährige Johann seinen letzten Atemzug.

Die Justiz übernimmt die Ermittlungen
Die Gerechtigkeit holte Bernard noch in derselben Nacht ein. Gendarmen rissen ihn aus dem Bett und nahmen ihn fest. Bereits am nächsten Tag nahm eine Kommission, bestehend aus Staatsanwaltschaft, Untersuchungsrichter und Ärzten, ihre Arbeit auf. Noch am Nachmittag wurde eine Obduktion vorgenommen, bei der man Bernard der Leiche gegenüberstellte. Doch der Bursche bestritt jegliche Beteiligung an der Tat. Er leugnete sogar, den Toten überhaupt zu kennen. „Ich habe seit sechs Wochen kein Messer mehr in der Tasche gehabt, und ich habe auch nicht zugestochen“, gab er zu Protokoll.
Doch die Zeugen schwiegen nicht. Nicht nur jene fünf jungen Leute, die mit Johann in der Runde gestanden hatten, bezeugten Bernards Tat. Es fand sich auch ein weiterer Zeuge, der kurz nach dem Vorfall ein paar Worte mit dem Verdächtigen gewechselt hatte. Bernard habe ihm gegenüber behauptet, man habe jemanden erstochen und behaupte nun, er sei es gewesen. Anschließend habe Bernard in seine Tasche gegriffen, einen Gegenstand hervorgezogen und diesen mit den Worten „Weg mit dem Ding“ fortgeworfen. Das „Ding“ wurde später zwar nicht gefunden, doch es bestand kein Zweifel, dass es sich um die Tatwaffe handelte.
Binnen weniger Stunden verschafften sich Richter und Staatsanwalt einen klaren Überblick über das Geschehen. Bis zum späten Nachmittag blieben keine Zweifel mehr, dass Bernard den tödlichen Stich geführt hatte. So konnte die Kommission Aalten bereits mit dem Sechs-Uhr-Zug wieder in Richtung Zutphen verlassen. Begleitet wurden die Beamten von zwei Gendarmen und dem mutmaßlichen Täter, der in das Zutphener Gefängnis überführt wurde. Der Leichnam des Opfers verblieb indessen in Aalten. Er wurde zwei Tage später auf dem dortigen katholischen Friedhof beigesetzt.
Epilog
Zwei Monate später, am 19. Januar 1910, fand das Drama von Aalten vor dem Gericht in Zutphen seinen juristischen Abschluss. Die fünf jungen Leute, die die verhängnisvolle Tat unmittelbar miterleben mussten, fanden sich dort neben etlichen weiteren Zeugen im Zeugenstand wieder. Zu seiner Verteidigung konnte Bernard Rietberg nur wenig vorbringen, außer seinen Gewaltausbruch auf den Alkohol zu schieben. Das Gericht folgte dem nicht und verurteilte ihn wegen Totschlags zu sechs Jahren Gefängnis.


Seine Strafe trat Bernard am 3. Februar 1910 in der Strafanstalt von Leeuwarden an. Auf den Tag genau sechs Jahre nach seiner Tat wurde er am 22. November 1915 entlassen. Sein Weg führte ihn wieder zurück in seine Heimatstadt Aalten. Zehn Monate später, am 28. September 1916, heiratete er dort Katharina Robertine te Loo aus Bocholt. Das Paar bekam drei Kinder, von denen das erste bereits am 16. Dezember 1916 zur Welt kam. Bernard arbeitete in den folgenden Jahren als Fuhrmann und Fahrradhändler. Er starb am 18. Juni 1927 in Aalten im Alter von nur 40 Jahren.
© H. Krasenbrink
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Quellen:
Rhein und Ruhr Zeitung, 59/60 (16/03/1907) 64
Münsterischer Anzeiger, 58 (24/11/1909) 771
Bocholter Borkener Volksblatt, 39 (24/11/1909) 317
Bocholter Borkener Volksblatt, 39 (24/11/1909) 317
Provinciale Overijsselsche en Zwolsche courant, 13.01.1910
Landesarchiv NRW Abteilung Westfalen, Kirchenbuch Bocholt, St.-Georg, KB028/Seite 140
https://oudaalten.nl/dale/villeken-08-oude-maas
Abbildungen:
Abbildung 1: Aalten 1886
Abbildung 2: Bocholter Borkener Volksblatt, 39 (24/11/1909) 317
Abbildung 3 + 4: https://www.gevangeninglas.nl/home/glasplaten-1-300/gn0154-bernardus-rietberg
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