Wenige Monate nach Ende des Krieges war auf dem Hof Schlattmann der Jungbauer Johann Legeland einem tragischen Unfall zum Opfer gefallen. Die düsteren Gerüchte, die seitdem in der Bauerschaft Liedern die Runde machten, hielten sich hartnäckig. Als zwei Jahre später ein ähnliches Unglück geschah, erinnerte man sich.
Der Bauer Adolf Elting aus Liedern war gerade bei der Feldarbeit, als er von Weitem eine merkwürdig aussehende Fremde auf sich zukommen sah. Erst als sich die Frau ihm weiter näherte, erkannte er in ihr eine „Zigeunerin“. Fast jeder Mensch in und um Bocholt hatte schon einmal eine dieser geheimnisvoll wirkenden Frauen auf der Bocholter Kirmes gesehen. Und nicht wenige waren der Versuchung erlegen, sich von ihnen die Zukunft weissagen zu lassen.
Diese Frau hatte jedoch ein anderes Anliegen. Sie fragte Elting nach Feuer. Der Bauer antwortete, dass er keine Streichhölzer dabei hätte. Da deutete die Fremde auf seine Tasche mit den Worten: „Da ist Feuer drin“. Elting fühlte in seine Tasche nach und war verblüfft und erschrocken zugleich. Es waren tatsächlich Streichhölzer drin. Bereitwillig gab er sie der Frau, die sich daraufhin eine Zigarette anzündete.

Zum Dank für die Streichhölzer las die Frau dem Bauern aus der Hand. Ihre Miene verfinsterte sich zusehends. Dann sagte sie zu Elting, dass er einen Feind in seinem eigenen Hause wohnen habe. Erst nach dessen Beseitigung werde er so glücklich sein wie nie zuvor. Zudem stünde dem Hof noch ein weiteres Unglück bevor. Nach diesen Worten zog die Frau ihrer Wege und ließ einen ratlosen Bauern auf dem Feld zurück.
Der Hof Schlattmann im Brömmelingshook
Adolf Elting wohnte auf dem Hof Schlattmann in der Bauerschaft Liedern, westlich von Bocholt. Das Gehöft mit der Nummer Liedern 44 lag an der Brömmelingsstiege im gleichnamigen Brömmelingshook, nahe der kleinen Stadt Werth. Neben dem uralten, namensgebenden Hof Brömmeling bildet hier ein halbes Dutzend weiterer Hausplätze eine kleine Höfegruppe.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde der Hof Schlattmann von den Eheleuten Heinrich Legeland und Johanna Becking bewohnt und bewirtschaftet. Das Paar bekam zunächst drei Töchter und danach drei Söhne.
Gerhard Heinrich Legeland wurde am 28.09.1850 auf dem Hof Schlattmann in Liedern Nr. 44 geboren. Johanna Mechthild Becking wurde am 11.01.1856 ebenfalls in Liedern geboren. Die Eheleute heirateten am 07.07.1880 in St.-Georg in Bocholt. Sie hatten sechs Kinder:
- Johanna Karolina *20.09.1881
- Maria Theresia *19.10.1885
- Maria Bernardina *26.01.1888
- Gerhard Heinrich *15.08.1891
- Bernhard Johann *02.04.1894
- Johann *30.04.1897
Schwere Zeiten erforderten pragmatische Lösungen
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts traf das Schicksal die Familie hart. Am 12. Februar 1908 starb der Vater im Alter von nur 58 Jahren und hinterließ drei noch minderjährige Söhne. Zwei Jahre später, am 21. Juni 1910, heiratete die älteste Schwester, die inzwischen 28-jährige Karolina, den aus Vardingholt stammenden Adolf Elting. Der Bräutigam war ein Cousin zweiten Grades, was jedoch kein Ehehindernis darstellte.
Mit den jungen Eheleuten wurde vereinbart, dass sie zunächst auf dem Hof Schlattmann bleiben sollten, bis sich ihnen die Möglichkeit zum Aufbau einer eigenen Existenz böte und der älteste der Söhne das Erbe antreten könnte. Dies schien für alle Beteiligten eine gute Übergangslösung zu sein.
Die Übergangslösung wurde zum Dauerzustand
Adolf Elting und Karolina Legeland hatten inzwischen drei Söhne bekommen. Heinrich, der älteste, wurde am 23. November 1911 geboren. Am 6. November 1915 folgte Alfons und am 22. Juni 1918 schließlich Joseph. Doch es lag kein Segen auf dem Hof Schlattmann, denn die beiden älteren Söhne der Witwe Becking, Bernhard Johann und Gerhard Heinrich, fielen als Soldaten im Ersten Weltkrieg.
So war bei Kriegsende der inzwischen 21-jährige Johann, der jüngste der drei Brüder, als einziger Sohn auf dem Hof verblieben. Seit Mai 1918 wurde zwar der Knecht Enk auf Schlattmann beschäftigt, der den Hinterbliebenen zumindest etwas von ihrer Arbeitslast abnahm. Doch das Zusammenleben des designierten Hoferben Johann mit seiner Schwester Karolina und dem Schwager Adolf war längst zum Dauerzustand geworden.
So war es wenig verwunderlich, dass sich die Schwäger Johann und Adolf häufig nicht grün waren. Zu allem Überfluss kam hinzu, dass es auch um die Ehe von Adolf und Karolina nicht zum Besten bestellt war. Anfang 1919 war es der Witwe Becking daher ein dringendes Anliegen, die Verhältnisse abschließend zu klären: Sie vermachte ihrem inzwischen 22-jährigen Sohn Johann testamentarisch den Hof, womit sie unmissverständlich festlegte, wer schlussendlich das Sagen haben sollte.
Das Schicksal blieb unbarmherzig
Nur wenige Wochen später, am Samstag, dem 12. April 1919, kam es auf dem Hof erneut zu einem tragischen Ereignis. Gegen Abend fand man Johann tot in der Scheune. Schwerste Schädelverletzungen und ein Blick nach oben offenbarten das Drama: Der Jungbauer war durch die Bodenluke gestürzt und hatte sich dabei einen tödlichen Schädelbruch zugezogen.

Das Entsetzen war grenzenlos, und die Witwe Becking, die damit auch ihren dritten Sohn verlor, konnte sich des Mitleids ihrer Mitmenschen gewiss sein. Doch was half es ihr? Sie stand jetzt allein da mit ihrem Hof, ihrer Tochter Karolina, ihrem Schwiegersohn Adolf und deren drei kleinen Söhnen sowie ihrer zweiten Tochter Theresia, die ebenfalls noch unverheiratet war.

Bocholter Borkener Volksblatt 15. April 1919
Noch eine schreckliche Entdeckung
Nach dem tragischen Todesfall schienen die Verhältnisse auf dem Hof Schlattmann geklärt zu sein. Karolina Legeland und Adolf Elting blieben nach dem Unglück auf dem Anwesen. Weitere zwei Jahre zogen ins Land, bis zum Sonntag, dem 6. März 1921. Weil eines seiner Kinder krank war, verbrachte Adolf Elting jene Nacht in der Kammer des Knechtes Enk.
Am Morgen stand er gegen 7:30 Uhr auf und fuhr eine halbe Stunde später nach Bocholt, um dort seinen religiösen Pflichten nachzugehen. Als Mitglied der Männerkongregation war es für ihn üblich, regelmäßig zu beichten und zu kommunizieren. Der Knecht Enk stand kurz darauf ebenfalls auf und begann mit dem Füttern des Viehs, als das älteste Söhnchen schreiend zu ihm gelaufen kam.
Völlig außer sich berichtete der Knabe, dass seine Mutter blutend auf der Tenne liege. Sofort rief der Knecht die Nachbarn Böggering zu Hilfe, und man fand Karolina Legeland blutüberströmt auf dem Tennenboden. Alles deutete darauf hin, dass die Frau bei der Arbeit von der Hille gestürzt war. Sofort schickte man nach einem Arzt, der noch vor der Rückkehr Adolf Eltings am Ort des Geschehens eintraf.
Als sich Adolf Elting seinem Wohnort näherte, brachte man ihm die Nachricht von dem Unglück bereits entgegen. Die Schwerverletzte wurde zunächst ins Bett getragen, später dann aber vom Arzt ins Bocholter Krankenhaus eingewiesen. Das alles konnte Karolina Legeland jedoch nicht mehr helfen. Sie verstarb am Vormittag des nächsten Tages, ohne das Bewusstsein wiedererlangt zu haben.
Die Ermittlungen begannen
Eine Gerichtskommission begann noch am selben Tag mit der Untersuchung des Hergangs. Die Schädelverletzungen waren dermaßen gravierend, dass das Gehirn der Frau teilweise freigelegt war. Rasch kamen Zweifel auf, ob dies allein die Folge eines Sturzes gewesen sein konnte. Die Ermittler verlangten daher von Adolf Elting, ihnen sämtliche auf dem Hof befindlichen Beile und Äxte vorzulegen – einer Aufforderung, der er auch nachkam.
Die Beamten blieben jedoch skeptisch und begannen mit einer gründlichen Durchsuchung aller Räume des Hauses. Und tatsächlich: Ein Werkzeug hatte Adolf Elting offenbar unterschlagen. Hinter dem Kleiderschrank fanden die Ermittler ein in ein Tuch eingewickeltes Beil.
Adolf Elting war damit dringend verdächtig, seine eigene Frau mit dem Beil erschlagen zu haben. Damit nicht genug, wurde nun auch der zwei Jahre zurückliegende Unfall seines Schwagers Johann in ein vollkommen neues Licht gerückt. Sollte an den Gerüchten, die sich seitdem in der Bauerschaft hielten, etwas Wahres dran sein? Der angebliche Unfallhergang von damals ähnelte dem Schicksal Karolina Legelands doch sehr.
Am 26. März 1921, knapp drei Wochen nach dem Tod der Frau, sollte eine Exhumierung des verstorbenen Schwagers Johann neue Erkenntnisse bringen. Und tatsächlich: Die Untersuchung der sterblichen Überreste Johann Legelands ließ keinen Raum mehr für Zweifel. Wie seine Schwester starb auch er zwei Jahre zuvor an schweren, durch einen stumpfen Gegenstand herbeigeführten Schädelverletzungen – und keinesfalls durch einen sturzbedingten Aufschlag. Alles, was nun noch fehlte, war ein Geständnis des mutmaßlichen Doppelmörders.
Anklage vor dem Schwurgericht
Am Donnerstag, dem 26. Januar 1922, kam es vor dem Schwurgericht Münster zu einem Indizienprozess, der die Öffentlichkeit tief aufwühlte. Alle Blicke waren auf Adolf Elting gerichtet, der die Verhandlung aufmerksam und gefasst über sich ergehen ließ. Zahlreiche Zeugen wurden aufgerufen – unter ihnen die verbliebenen Familienmitglieder, der Knecht Enk, die Nachbarn vom Hof Brömmeling, Amtsgerichtsrat Degener aus Bocholt, der am Tatort die erste Vernehmung geleitet hatte, und schließlich die medizinischen Sachverständigen, die den zahlreichen Zuschauern keine Details über die Morde ersparten. Doch selbst die erdrückende Beweislast und die Vielzahl belastender Indizien konnten dem Angeklagten kein Geständnis abringen.
Stattdessen flüchtete sich Adolf Elting in eine fantastische Geschichte. Er berichtete von seiner Begegnung mit der „Zigeunerin“ auf dem Feld, wie diese ihn um Feuer gebeten und ihm zum Dank dafür die Zukunft aus der Hand gelesen habe. Die Zuhörer im vollbesetzten Gerichtssaal lauschten aufmerksam seinen Ausführungen. Diese angebliche Begebenheit war derartig faszinierend, dass sie im Nu zum Tagesgespräch wurde. Glaubwürdig war die Geschichte hingegen nicht; sie wirkte vielmehr wie ein verzweifelter Versuch des Angeklagten, seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen.
Das Gericht ließ sich von diesem Täuschungsmanöver jedenfalls nicht beeindrucken. Vielmehr wurde in dem Prozess mehr und mehr klar, was Adolf Elting zu seinen grausigen Taten bewogen hatte. Zunächst musste Johann Legeland sterben, damit Elting den Hof in seinen Besitz bringen konnte. Seine Frau Karolina wusste offenbar von der Tat oder hatte zumindest eine dunkle Ahnung davon. Da die Eheleute ohnehin schon in Unfrieden lebten, musste Adolf Elting fürchten, dass Karolina ihn verraten würde. Also scheute er auch nicht davor zurück, seine eigene Frau zu ermorden. Ein weiterer finsterer Plan steckte wohl dahinter: Nach dem Tod seiner Frau hätte er deren jüngere Schwester Theresia ehelichen können, um sich den Hof endgültig zu sichern.
Schuldig wegen zweifachen Mordes
Die Geschworenen sprachen Adolf Elting am Ende des Prozesses des zweifachen Mordes schuldig. Das Gericht verurteilte ihn daraufhin zweimal zum Tode. Vollstreckt wurde das Urteil jedoch nicht: Einige Monate später legte Adolf Elting im Gefängnis doch noch ein vollumfängliches Geständnis ab, was ihn vor dem Schafott bewahrte. Das Todesurteil wurde daraufhin im Gnadenwege in eine lebenslängliche Zuchthausstrafe umgewandelt.
Der unglücklichen Witwe Johanna Becking blieb es erspart, diesem Prozess beizuwohnen. Sie war bereits am 13. Juli 1921 gestorben, nur vier Monate nach der Ermordung ihrer ältesten Tochter. Theresia Legeland heiratete schon am 23. November 1921 den aus der Bocholter Feldmark stammenden Franz Hülskamp. Sie verstarb im hohen Alter von 90 Jahren am 12. Februar 1976. Der Hof Schlattmann (Liedern Nr. 44) befindet sich noch heute im Besitz der Nachfahren der Eheleute Hülskamp-Legeland. Maria Bernardina Legeland, die jüngste der drei Schwestern, schlug einen anderen Weg ein: Sie wurde Volksschullehrerin in Kamp-Lintfort und starb ebenfalls hochbetagt am 18. April 1978.
© H. Krasenbrink
_______________________
Quellen:
Bocholter Borkener Volksblatt, 48 (15/04/1919) 94
Bocholter Borkener Volksblatt, 48 (15/04/1919) 94
Bocholter Borkener Volksblatt, 51 (28/01/1922) 23
Westfälischer Merkur, 101 (27/01/1922) 44
Hörder Volksblatt, 65 (23/03/1921) 69
Münsterischer Anzeiger,70 (29/03/1921) 156
Kirchenbuch St.-Georg Bocholt, KB036/Seite 89
Kirchenbuch Liebfrauen Bocholt, KB007/Seite 238
Kirchenbuch St.-Georg, Bocholt, KB033/Seite 72
Kirchenbuch St.-Gudula, Rhede, KB019/Seite 65
Landesarchiv NRW Abteilung Ostwestfalen-Lippe, P 9 / 3, Standesamt Bocholt, Nr. 220
Landesarchiv NRW Abteilung Ostwestfalen_Lippe, P 9 / 4, Standesamt Kreis Borken, Nr. 269
Landesarchiv NRW Abteilung Rheinland, NW 1012 (SBE Hauptausschuss Landkreis Moers), Nr. 11676
Abbildungen:
Abbildung 1: KI generierte Illustration
Abbildung 2: Messtischblatt 1898
Abbildung 3: Bocholter Borkener Volksblatt, 48 (15/04/1919) 94
Abbildung 4: Bocholter Borkener Volksblatt, 48 (15/04/1919) 94
Schreibe einen Kommentar